Mit Zelt durch den Harz Trekking

Mit Zelt durch den Harz

Vor etlichen Jahren im Winter für einen Videodreh und letztes Jahr im Herbst zum Klettern – das sind bisher meine einzigen Harzerfahrungen. Warum? Das weiß ich selbst nicht, und es wurde höchste Zeit, das zu ändern.

Geplant waren vier Wandertage mit Übernachtungen auf den Campingplätzen in Braunlage und Schierke sowie eine Tagestour auf den Brocken. Bei der Routenplanung habe ich mich an der Wegführung des „Harzer Hexenstiegs“ bzw. der Route „Harzer Hexenstieg Brockenumgehung“ orientiert und daraus einen Rundkurs erstellt.

Tag 1: Torfhaus bis Braunlage

Erkältung – ja, nein, vielleicht? Seit Tagen schleppe ich dieses Gefühl des Krankwerdens mit mir herum. Ich glaube langsam, dass es eine Art Aufgeregtseinsreaktion meines Körpers ist. Vor dem Warrior Hike das gleiche Spiel. Trotzdem wird vor der Abfahrt noch prophylaktisch ein Aspirin Complex angerührt.

In knapp unter zwei Stunden und um 10:00 Uhr an einem Donnerstag, stehen Debbie und ich auf dem kostenfreien Wanderparkplatz unterhalb von Torfhaus. Da wir keiner durchgehenden Beschilderung folgen, sondern hier und da zwischen den Wegen springen, habe ich mir die einzelnen Tagesetappen auf die Garmin geladen und navigiere zum ersten Mal über meine Uhr. Immer aufs Handy gucken zu müssen ist nervig, und so spare ich auch noch Akku.

Krieg und Borkenkäfer – braucht niemand

Der Weg startet sofort malerisch. Urige Pfade. Viel Wurzelwerk. Holzstege. Bäche. Gräben. Tannendickicht. Fichtentotholz – gleich mehr dazu. Wir gehen entlang des Oderteichs mit seinen Sandbuchten, Findlingen und Heidelbeerbüschen, die schon kleine grüne Kugeln tragen. Eindrücke wie aus einer Kanadadoku, und das nur eine kurze Autofahrt von zu Hause entfernt.

Die Wege werden breiter. Schotter unter unseren Füßen. Rechts begleiten uns die Oberharzer Gräben. Angelegt wurden sie zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert, um die Silberbergwerke im Oberharz mit Kraftwasser zu versorgen – ein ausgeklügeltes System, das seiner Zeit weit voraus war. Heute gehören sie zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Der Blick nach links hinunter ins Tal und auf die gegenüberliegenden Hänge ist erschreckend. Abgestorbene und umgestürzte Fichten prägen das Bild. Wie übergroße Mikadostäbchen liegen sie kreuz und quer. Im Nationalpark Harz überlässt man viele dieser Flächen bewusst sich selbst. Die abgestorbenen Bäume bleiben stehen oder stürzen irgendwann einfach um. In den umliegenden Forstgebieten wird dagegen aktiv aufgeforstet, damit auf den kahlen Hängen möglichst schnell wieder neues Leben heranwächst. Da nach dem Zweiten Weltkrieg zusätzliches Holz für den Wiederaufbau und zum Heizen benötigt wurde, kam es zu massiven Kahlschlägen und Übernutzung. Zur Wiederaufforstung stand im Harz damals nur Fichtensaatgut in ausreichender Menge zur Verfügung. Die Fichte war lange ein gefragtes Holz für den Bergbau und die Holzwirtschaft und wurde deshalb auch in Höhenlagen angepflanzt, in denen sie von Natur aus nicht vorkommt. Warme, trockene Sommer und Stürme haben die Bäume geschwächt und gleichzeitig ideale Bedingungen für den Borkenkäfer geschaffen. Ungünstige Kombination.

Heidi fährt jetzt Sportwagen

Ein Käse-Ei-Brötchen ist ein gutes Brötchen. Noch besser ist es, wenn man sich schon den ganzen Morgen darauf gefreut hat, es mittags zu essen. Wir machen Pause auf einer Bank vor einem Restaurant mitten im Wald. Um uns herum Buchen und andere Laubbäume. Es folgt ein kurzer, steiler Anstieg über Asphalt. Der kam unerwartet, sind wir bisher doch durchgehend moderat bergab gegangen. Es folgt eine offene Fläche, die Jordanshöhe, mit Bergwiesen und Pusteblumen, so weit das Auge reicht. Ich erwarte, dass Heidi vorbeigehüpft kommt, stattdessen parkt vor einem kleinen freistehenden Ferienhäuschen ein viel zu schicker Sportwagen, der einfach nicht ins Bild passt.

Die Höhenmeter schlagen zurück

Über einen kleinen steinigen Weg geht es endlos lang bergab in ein wieder mal pittoreskes Areal. Ein schmaler grasiger Trampelpfad zieht sich durch eine lichte, fast schon verwilderte Waldlandschaft. Hier und da ein Baumstumpf. Eine Holzbrücke führt über einen seichten Bachlauf. Von hinten kommen vier Mountainbiker angeschossen. Der Erste donnert gegen die Stufen der Brücke und schafft es nicht, in einem Rutsch hinaufzufahren. Der Zweite donnert gegen die Stufen der Brücke und muss ebenfalls unelegant mit den Füßen nachhelfen. Die letzten beiden sind scheinbar lernfähig und steigen vorher ab.

Kurz vor Ende der Etappe meint es der Weg noch mal gut mit uns. Das Duschen muss sich ja lohnen. Bisher war es zwar warm, aber nicht schweißtreibend. Tja, das ändert sich jetzt. Auf knapp zwei Kilometern dürfen wir über eine Schotterstraße 200 von den vorher hinuntergegangenen 250 Höhenmetern wieder hinaufgehen.

Wundertüte Campingplatz – Ankommen in Braunlage

Das Finishereis an der Rezeption des Campingplatzes haben wir uns daraufhin mehr als verdient. Wir gehen am Restaurant gegenüber der Rezeption einen Weg hinunter, an Wohnmobilen und Wohnwagen vorbei. Schilder wie „Promillestraße“, zu bunte Gartenzwerge und eingezäunte Stellplätze weisen auf das ganz eigene Volk der Dauercamper hin. Die Zeltwiese am letzten Zipfel des Campingplatzes ist fast leer, aber relativ abschüssig. Das Gras könnte ebenfalls etwas niedriger sein. Campingplätze sind immer eine Wundertüte. Du weißt nie was du bekommst. Wir suchen uns eine mehr oder weniger ebenerdige Stelle und bauen unser 2,5-Personen-Zelt auf, geliehen von einer Freundin. Für den Transport habe ich Innen- und Außenzelt aus der Originalhülle nehmen und in einen anderen Packbeutel verstauen müssen, damit es in meinen Rucksack passt. Gestänge und Heringe hat Debbie bekommen. Die Planen allein wiegen aber immer noch 300 g mehr als mein Einpersonenzelt insgesamt, und das ist mir mit 1,3 kg auch noch zu schwer (ein neues ist schon in Planung). Ich probiere ein für mich neues Rucksack-Packsystem aus, was meine bisher aufgebaute Camp-Routine erst mal zunichtemacht und dafür sorgt, dass ich Dinge dreimal anfassen und sortieren muss. Zudem kommt die Organisation von zwei Menschen in einem Zelt dazu. Aber mein unstressbares-Egal-was-kommt-ich-bleibe-entspannt-Wander-Ich regelt das.

Weizen, Essen, Strom – Was braucht man mehr? Schnaps?

Zelt steht, Luftmatratzen sind aufgeblasen. Frisch geduscht geht es in den kleinen Biergarten des Campingplatz-Restaurants. Urig-rustikal trifft es wohl ganz gut. Jedes Gericht ist nach einem Wohnmobilhersteller benannt. Von Pössl über Fendt bis Hobby ist alles dabei. Gekocht wird in der Fritteuse. Das erste alkoholfreie Weizen der Tour schmeckt gut. An der Rezeption suche ich nach der Inhalation meiner Bratkartoffeln mit Spiegelei noch nach einem abendlichen Snack, werde aber leider nicht fündig. Stattdessen besorge ich uns schon mal einen Gipfelschnaps. Was man hat, hat man, schleppt es dann aber auch mit sich herum. Gut gedacht, schlecht gemacht. Egal, meine Freude darüber, Debbie meine Errungenschaft zu zeigen, und ihre Reaktion sind die Gramm mehr im Rucksack wert.

Wir bezahlen unser Essen am Tresen. Beim Rausgehen erspähe ich zwei perfekt angebrachte Steckdosen an der Wand über einer Sitzecke. Wir holen unsere Kabel, lassen bei einem halben Liter Cola unsere Geräte laden und bequatschen den nächsten Tag. Dabei ignorieren wir die Fritteusendämpfe, die in unsere Klamotten einsickern.

Fakten

📍 Strecke: Torfhaus → Braunlage
🥾 Länge: 21,7 km
⛰️ Höhenmeter: +320 m / –540 m
🏕️ Übernachtung: Campingplatz Braunlage
🍽️ Einkehr: Gaststätte am Campingplatz Braunlage

Tag 2: Braunlage bis Schierke

Um 6:00 Uhr klingelt der Wecker. Wir wollen zeitig los, um noch in der Kleinen Zauberwelt in Braunlage zu frühstücken. Die Website verspricht ein kunterbuntes Ambiente und leckere Köstlichkeiten.

Dank meiner neuen Alpakawollsocken habe ich nachts endlich mal warme Füße im Zelt gehabt. Dafür aber einen kalten Kopf, weil ich im Quilt obenrum ungeschützt bin und zu faul war, meine Daunenjacke aus dem Rucksack zu kramen. Wir erwachen in einer Tropfsteinhöhle. Das Zelt ist klitschnass. Von außen wie von innen. Über die natürlich ebenfalls nasse Wiese bringen wir es zu einem nahen Unterstand und versuchen, es so gut es geht auszuschütteln. Hilft alles nichts, es muss nass eingepackt werden. Gut, dass mein Packsack wasserdicht ist.

Nach ein paar hundert Metern wandert die Fleecejacke schon in den Rucksack. Die Sonne gewinnt langsam an Kraft, die feuchte Luft der Nacht hängt noch zwischen den Bäumen – und plötzlich ist es da, das erste richtige Sommergefühl des Jahres.

Der Deutschen Lieblingsbeschäftigung nachgehen

Im Ort angekommen, gehen wir die Hauptstraße entlang durch eine riesige Baustelle. Es ist 8:00 Uhr, aber die Bürgersteige sind noch hochgeklappt. Nur vor einem Bäcker hat sich eine ziemlich lange Schlange gebildet, an der wir voller Vorfreude auf unser Frühstück vorbeigehen und die Anstehenden etwas bemitleiden. Umso größer ist die Enttäuschung fünf Minuten später. Die Kleine Zauberwelt hat zu. Überall im Internet steht, dass sie fast immer geöffnet haben. Wir haben wohl das „fast“ erwischt. Heute erst ab 12:00 Uhr geöffnet statt um 7:30 Uhr, besagt ein Schild an der Tür. Deprimiert dackeln wir zurück zum Bäcker. Die Schlange ist derweil nicht kürzer geworden. Aus Mangel an Alternativen reihen wir uns ein. 40 Minuten später haben wir es geschafft. Wir setzen uns mit Kaffee und Gebäck auf die gegenüberliegende Straßenseite auf die Stühle eines noch geschlossenen Cafés und beobachten weiter das Treiben in der Schlange. Das Zimtmilchbrötchen und das Sesambrötchen für jetzt. Brezel und Bobbes für später. Wir hören die Klingel eines Schrottis und denken im selben Moment: Die hören sich auch überall gleich an. Wir müssen lachen. Auf der Toilette des Bäckers füllen wir noch einmal unsere Wasservorräte auf, bevor wir um 9:00 Uhr wirklich aufbrechen.

Bei unserem zweiten Gang durch den Ort erwacht langsam das Leben. Wir biegen in den Wald ab und lassen die Zivilisation für einen Moment hinter uns. Wir gehen über grasige Wege, steinige Wege und Grenzwege. Vor dem 14. November 1989 um 14:00 Uhr wäre das Wandern hier noch unmöglich gewesen. Ich lese das Schild und vergesse dabei, dass ich noch mitten auf der Straße stehe. Ein Auto kommt über die Kuppe gebrettert. Es war nicht knapp, aber etwas unvorsichtig von mir.

Es ist warm. Wir werden kreativ.

Ich ärgere mich ein wenig, meinen neuen Sun Hoody nicht mitgenommen zu haben. Die Sonne brennt von oben und ich habe Portugal-Flashbacks. Irgendwann ziehe ich mein Merino-Schlafshirt an. Ich habe keine Lust, komplett zu verbrennen, und auch nicht auf sich mit Schweiß vermischende Sonnencreme, die ohnehin nicht lange hält. Meinen Buff ziehe ich über Nacken und Cappy. Debbie bastelt sich derweil einen Bolero aus ihrer Thermostrumpfhose – kreativ.

Wir sind genau auf der Hälfte der Strecke und am tiefsten Punkt der Etappe angekommen. Passenderweise überqueren wir just in diesem Moment einen kleinen Bach über eine Brücke und entdecken dahinter eine hölzerne Sitzgarnitur vor einer großen Wiese im Schatten. Wenn das kein Zeichen ist. Ab jetzt geht es laut Uhr noch ein bisschen hoch und runter, bevor der große Anstieg kommen soll.

Aussichten mit Erlebnisfaktor

Eine Weile laufen wir einem Ehepaar mit zwei Dackeln hinterher, die des Öfteren darauf hingewiesen werden müssen, nicht abzuhauen. Also die Dackel. Der Weg zieht sich durch ein schmales, bewaldetes Bachtal. Links plätschert das Wasser, rechts ein abgeholzter, fünf Meter hoher Hang. Zwei Kurven weiter erwartet uns dann eine weite offene Landschaft mit Baumstümpfen, so weit wir schauen können, und eine lange Schotterpiste. In der Ferne hören wir ein lautes „Tut-Tut“ und drehen uns um. Schwarzer Rauch steigt zwischen den Bäumen auf der gegenüberliegenden Seite des Berges auf und wir sehen zum ersten Mal die Brockenbahn. Ihr Tuten wird uns ab jetzt bis zum Ende unserer Tour begleiten.

In einem kleinen Waldstück genießen wir kurzzeitig die frische, feuchte Luft unter dem kühlen Blätterdach, als hinter einer Kurve plötzlich eine Bache mit Frischlingen auf dem Weg steht. Kurzes Innehalten auf beiden Seiten. Wer macht jetzt was? Die Bache reagiert zuerst und springt nach rechts ins Unterholz. Die Frischlinge folgen. Eines schaut wie im Comic verwirrt umher, bis es den anderen hinterherhüpft.

Da ist er, der lang erwartete Anstieg

Wir erreichen den Brockenbahnhof passend, als eine der Loks einfährt, und können das geschniegelt wirkende Gefährt aus der Nähe betrachten. An einer öffentlichen Toilette füllen wir noch einmal Wasser auf. Während Debbie das übernimmt, warte ich draußen. Eine Dreiergruppe junger Motorradfahrer kommt an. Zwei von ihnen echauffieren sich über den einen Euro, den sie für die Toilette zahlen sollen, und gehen hinter das Toilettengebäude. Brudis, denk ich mir: Ganz im Ernst, ihr verfahrt mit euren Hobeln zum Spaß teuren Sprit, aber der eine Euro ist zu viel? Ich schüttle nur den Kopf.

Ein Vater mit zwei erwachsenen Söhnen auf Fahrrädern kommt hinter uns den lang erwarteten und gefürchteten steilen Anstieg hochgefahren. Nach ein paar Hundert Metern machen sie zusammen mit uns Pause auf einem kurzen ebenerdigen Abschnitt. Die grobe Schotterpiste ist schwer befahrbar. Die Reifen bekommen keinen Grip. Wir sind beeindruckt von ihrer Leistung. In Potsdam gestartet, haben sie schon 240 Kilometer in den Beinen und wollen heute noch bis Bad Harzburg, dann mit dem Zug zurück nach Hause. Das alles ohne E-Antrieb – ist ja nicht mehr die Regel heutzutage. Als Fußgänger fand ich den Anstieg gar nicht so schlimm. Mit Fahrrad plus Satteltaschen? No way!

Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich einen Kuckuck. Mit einer unglaublichen Lautstärke trillert, pfeift, kuckuckt (?) er und fliegt von Ast zu Ast durch den Fichtenfriedhof.

Freistehende Felsen sind toll. Hat der Bohrhaken?

Wir kommen zum Trudenstein. Ich werfe sofort den Rucksack von mir und klettere die Metallleiter nach oben auf die Felsformation. Die Weitläufigkeit des Harzes überrascht mich aufs Neue. Die Felsen erinnern mich an meine Tour im letzten Jahr durch die Sächsische Schweiz. Wir haben den richtigen Zeitpunkt erwischt, um für einen Moment ungestört die Natur zu genießen. Keine fünf Minuten später wimmelt es hier von Menschen. Unsere Fahrradtruppe kommt ebenfalls an und wundert sich über uns. „Wie seid ihr denn schon so schnell hier oben angekommen?“ Mit einem Augenzwinkern antworte ich: „Wir haben die Wandererabkürzung genommen.“ Haben wir tatsächlich. Ich inspiziere den Felsen noch etwas und halte nach Bohrhaken Ausschau. Finde leider keine. Der Trudenstein würde auch einen guten Kletterfelsen abgeben.

Wie schön bitte kann ein Campingplatz sein?!

Die letzten Kilometer geht es über einen breiten Schotterweg bergab bis Schierke. Die Füße leiden. Unten angekommen, werden wir dafür direkt vor den Toren des Campingplatzes ausgespuckt.

Auf den ersten Blick sympathisch. Wir betreten die kleine Rezeption und ich entdecke voller Freude das Vulkanix-Eis und erschrecke mit einem Jubelschrei Debbie und die Campingplatzbesitzerin. „Das ist ganz neu dieses Jahr“, meint sie daraufhin. Ich erzähle, dass ich es vor zwei Monaten in Portugal zum ersten Mal gegessen habe. Im Prinzip ist es wie ein Nogger, nur zusätzlich gefüllt mit kleinen Schoko-Crispy-Kugeln und Karamell. Es stand schon auf einem Schild vor der Tür, aber ich frage trotzdem nach. „Ja, der Platz ist komplett ausgebucht.“ Puh, gut, dass wir ein paar Tage vorher noch reserviert haben. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es wirklich notwendig sein würde, aber dachte mir: Auf Nummer sicher gehen kann nicht schaden. Was für ein Glück.

Der Campingplatz entpuppt sich als Trekking-Oase. Er ist klein, wirklich klein. Keine Dauercamper, nur Zelte und Wohnmobile. Lässt man den Blick schweifen, kann man ihn beinahe in Gänze erfassen. Es gibt viele Sitz- und Aufenthaltsgelegenheiten in Form von Bänken, Liegestühlen und Unterständen. Die Waschräume sind warm und es läuft Radio – liebe ich ja total. Die Zeltwiese ist terrassenförmig aufgebaut und wir haben als Stellplatz die Nummer 51 zugewiesen bekommen. Direkt hinter uns eine Bank, perfekt. Neben uns campt ein Pärchen aus Bremen mit Hund, mit denen wir uns direkt gut verstehen. Er war zuletzt vor sechs Jahren im Harz und über die Brachflächen erschrocken. Damals schien es noch nicht solche Ausmaße angenommen zu haben wie heute.

Unsere Klamotten hängen zum Ausdünsten an einem perfekt dafür gemachten Ast einer Birke hinter unserem Zelt. Wir blicken in die Weite des Harzes und ins Tal nach Schierke – und direkt in den Sonnenuntergang hinein.

Wundflüssigkeit! Warum hab ich in letzter Zeit so oft mit diesem Wort zu tun?

Die Motivation, noch weitere zwei Kilometer zum Abendessen in den Ort zu gehen, hält sich in Grenzen. Ein Segen, dass wir Aufbackpizza an der Rezeption bestellen können. Während wir auf unser Essen warten, sitzen wir in der Küche und laden unsere Geräte auf. Vorher behandeln wir noch Debbies Blase. Ich muss leider laut loslachen, als ich sie sehe. Im ersten Moment nicht als Blase identifiziert, zieht sie sich zwischen den Zehen entlang bis runter unter den Fuß. Faszinierender Anblick. Damit morgen weitergehen? Fragwürdig. Wir entscheiden uns, sie anzupieksen. So habe ich innerhalb von zwei Monaten von zwei verschiedenen Menschen Wundflüssigkeit an den Fingern und eine Nadel mit dem Feuerzeug sterilisiert. Wie eine Wasserbombe explodiert sie, gefühlt schon bevor ich sie überhaupt mit der Nadel berühre.

Meine Füße haben sich vom Warrior Hike auch immer noch nicht komplett regeneriert und befinden sich zurzeit in der Häutungsphase. Die lose Haut der ehemaligen Blasen pellt sich einfach komplett von den Füßen. Unschöner Anblick. Die Ferse meint, ein bisschen empfindlich zu sein, aber ich habe eine neue Wunderwaffe für mich entdeckt: Schurwolle, Fettwolle, Hikers Wool – wie man sie auch nennen möchte. Gibt es in der Drogerie in der Babyabteilung. Ein bisschen was abzupfen, an die benötigte Stelle drücken und die Socke drüber. Die Wolle „frisst“ sich in die Socke hinein und bildet einen angenehm weichen Puffer, der auch nicht mehr verrutscht.

Die Pizza schmeckt gut. Nach Wandertagen gibt es aber auch wenig, was nicht schmeckt. Zum Abschluss des Tages stellen wir uns noch die Liegen in den Schatten eines Baumes und gönnen uns vor dem Schlafengehen ein letztes Kaltgetränk, bevor die Rezeption für heute schließt.

Wir bereiten die Rucksäcke für morgen vor und legen uns gegen 20:00 Uhr schlafen. Es ist mollig warm im Zelt. Um 1:50 Uhr wird der Wecker gehen. Sonnenaufgangstour hoch zum Brocken. Ich bin ein bisschen aufgeregt.

Tag 3: Auf den Brocken

Der Wecker klingelt um 1:50 Uhr. Anziehen. Rucksäcke packen. Auf die Toilette. Stirnlampen an. Es ist 2:20 Uhr, als wir den Campingplatz die Straße hinunter Richtung Schierke verlassen. Die Luft ist lauwarm und Vorbote eines sommerlichen Tages.

Eigentlich hätten wir hier irgendwo links gemusst, aber ich verpasse die Abzweigung. Hat die Uhr vibriert? Keine Ahnung. Es ist einfach zu früh. Wir gehen geradeaus weiter. Funktioniert laut OsmAnd-App auch. Dadurch driften wir jedoch weiter nach rechts und immer weiter von der geplanten Route ab. Nach ein paar Kilometern entscheide ich mich dafür, doch wieder auf die eigentliche Navigation zu wechseln. Wir queren nach links durch Schierke. War das jetzt ein Umweg?

Eckerslochstieg – macht das Spaß oder macht das Spaß?

Nach fünf gehfreundlichen Kilometern stehen wir vor einem Wanderschild. „Steiler Anstieg 4 km“ „Brockenstraße 8 km“. Wir müssen uns ein bisschen sputen, wenn wir es rechtzeitig zum Sonnenaufgang schaffen wollen. Vier Kilometer und steil klingen doch ganz in Ordnung. Gut, dass ich mir die Wikipedia-Seite zum Eckerslochstieg erst jetzt durchlese und Debbie vorher nicht wusste, worauf sie sich da einlässt.

Er entpuppt sich nicht nur als steil, sondern auch als durchaus unwegsam. Ich liebe alles daran. Wir müssen von Granitbrocken zu Granitbrocken springen, uns hochdrücken, über Baumstümpfe steigen und kleinen Rinnsalen ausweichen. Es ist dunkel, nur die Stirnlampen erhellen den Weg. Durch die moorigen Bereiche wurden Stege angelegt, über größere Klippen führen Treppen.

Bis die Wolken wieder lila werden

Langsam beginnt es zu dämmern und die Natur erwacht. Von jetzt auf gleich werden wir von Vogelgezwitscher begleitet. Ein Kuckuck ruft. Ich sehe nasse Schuh- und Pfotenabdrücke vor mir auf den Steinbrocken und irgendwann auch ein Licht aufblitzen. Ein bisschen beruhigt es mich schon, dass noch jemand hier unterwegs ist. An einer Schutzhütte überholen wir sie schließlich. Zwei Damen um die 50 mit Hund.

Nach den vier Kilometern konzentrierten Gehens spuckt uns der Wald auf der Brockenstraße aus. Glatter Asphalt unter unseren Füßen. Angenehm, aber zugleich auch nicht. Ab hier sind wir nicht mehr allein. Die letzten 1,3 Kilometer Straße gehen wir zusammen mit einigen anderen Frühaufstehern. Manche schnaufen, andere rennen. Selbst Kinder tapsen vor uns her. Auch sie müssen den ganzen Weg gelaufen sein. Autos sind auf der Brockenstraße nicht zugelassen. Nur Personal der Gastronomie und die Bergwacht dürfen motorisiert unterwegs sein.

Der Himmel nimmt zwischen den Baumkronen einen leichten Goldton an und vertreibt das Dunkelblau der Dämmerung. Die Textzeile „Wir bleiben wach, bis die Wolken wieder lila sind“ von Marteria summt in meinem Kopf, als wir um die letzte Kurve biegen.

Keine Minute zu spät.

Ein Schnäpschen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

Es ist nicht voll, aber viele gute Sitzplätze sind schon belegt. Hier und da wird gepicknickt. Frisch und windig ist es. Ich ziehe mir schnell die Jacke über das durchgeschwitzte T-Shirt. Wir lassen uns auf einer Mauer nieder. Durch die lichte Wolkendecke schieben sich die ersten Sonnenstrahlen.

Ich hole den Gipfelschnaps aus meinem Essensbeutel. In der Packung, die ich gekauft habe, sind drei Fläschchen. Als ich die beiden Damen mit Hund erblicke, sage ich zu Debbie: „Komm, denen geben wir den übrigen.“ „Oh ja, coole Idee“, stimmt sie mir zu. Die beiden gehen an uns vorbei. „Hey, wir hätten noch ein Fläschchen Gipfelschnaps übrig. Hättet ihr Interesse?“ Überrascht und sogleich grinsend bleiben sie stehen. „Du wolltest doch vorhin ein Bier. Das passt ja perfekt. Jetzt gibt’s sogar Schnaps“, sagt die eine zur anderen. „Und er glitzert auch noch“, ergänze ich und halte ihr das Schierkuja-Fläschchen mit den Glitzerpartikeln entgegen. „Wie witzig ist das denn bitte. Dankeschön.“

Wir stoßen an und leeren unsere erstaunlich wohlschmeckenden Shots. Wir machen noch Erinnerungsfotos zusammen und eine der beiden erzählt, dass sie des Öfteren auf dem Brocken sei und wir heute wirklich Glück mit dem Wetter hätten. So weit ins Tal könne man sonst selten schauen.

Wir bleiben noch eine Weile sitzen, genießen den Augenblick, bis die Sonne komplett aufgegangen ist, und erkunden dann den Gipfel. Holen uns den Brockenstempel als Erinnerung auf unserer Postkarte und suchen uns selbst noch Oberflächen, die wir mit Knete und eigenem Stempelkissen abstempeln.

Der Brocken ist mit 1.141,2 m ü. NHN der höchste Berg im Mittelgebirge Harz, in Sachsen-Anhalt und in ganz Norddeutschland. Zudem ist er mit durchschnittlich 42 km/h Windgeschwindigkeit der windigste Ort der Bundesrepublik. Noch vor der Zugspitze und vor Helgoland. Heute scheint er es aber gut mit uns zu meinen. Es weht nur ein Lüftchen.

Schlechter Kaffe, ungeplante Abstecher und ein bisschen lost sein

Nachdem wir unsere Sightseeingrunde beendet haben, gibt es Kaffee. Dafür habe ich die ganzen Tage meinen Kocher und portionierten Kaffee mit mir herumgeschleppt. So richtig gut schmeckt er am Ende nicht, aber für das Erlebnis war es das wert. In der Schutzhütte, in die wir uns für die Aktion zurückgezogen haben, gesellen sich zwei Herren dazu. Ebenfalls mit Hund. Schwere Stiefel, lange Wanderstöcke. Einer der beiden ist ziemlich redselig. Jedes Wochenende sind sie morgens auf dem Brocken. Eigentlich zu dritt, aber der eine Kumpel sei gerade auf Malle. Sie packen ihre übergroßen Dosen mit etlichen Broten und Gemüsesticks aus. Während der eine uns einen Tipp nach dem anderen gibt, welchen Felsen wir noch besuchen müssen und welchen Wanderweg wir unbedingt noch gehen müssen, futtert der andere ohne Pause still ein Möhrchen nach dem anderen und wird dabei von seinem Australian Shepherd angestarrt.

Einen der zwanzig Vorschläge berücksichtigen wir auf dem Rückweg tatsächlich. Wir machen einen Abstecher zu den Zeterklippen. Dabei handelt es sich um eine Felsformation, die aus verschiedenen Granitklippen besteht. Die sogenannte Wollsackverwitterung sorgt dafür, dass es für den Betrachter so wirkt, als wären es viele einzelne Steine, die bewusst aufeinandergelegt worden sind. Durch das Zusammenwirken von physikalischen und chemischen Prozessen entstehen bei der Wollsackverwitterung kantengerundete Gesteinsblöcke, die wie Kissen, Matratzen oder eben Wollsäcke übereinandergestapelt liegen. Naturetainment. Über eine Leiter erklimmen wir die Klippen und haben einen weiten Blick über die Landschaft und zum Brockengipfel. Wir müssen den gleichen Weg zurück, den wir gekommen sind. Doch wo ist er auf einmal hin? Die schmalen Pfade im Wald sehen alle gleich aus. Hin, zurück, hin, zurück. Hä? Ja, ich wurde schon öfter wegen meines schlechten Orientierungssinns ausgelacht. Zu Recht. Wer es selbst mit Uhr und Handy nicht schafft, nach dreimal im Kreis drehen den Weg zu finden, der sollte vielleicht mal daran arbeiten. Geht das? Es nervt mich selbst, dass mein Gehirn das nicht auf die Kette bekommt. Aber hey, dafür habe ich ein sehr gutes Gefühl für die Kilometer einer zurückgelegten Strecke, ohne auf die Uhr schauen zu müssen.

Letztendlich sind wir wieder auf den richtigen Pfad gelangt und ich erkenne Büsche und Steine wieder. Zehn Minuten später stehen wir auf der Brockenstraße. Nach diesem ungeplanten Fünf-Kilometer-Abstecher kürzen wir unseren Rückweg nach Schierke etwas ab. Gefühlt sehen wir heute mehr Gravelbiker und Rennradfahrer als Wandernde. Berghoch, bergrunter kommen sie uns entgegen – und das mit abenteuerlichen Geschwindigkeiten. Überall um uns herum piepsen Garmin-Uhren.

Nach der Arbeit kommt das Vergnügen

Es ist 11:30 Uhr, als wir im Ort ankommen. Ein leichtes Jetlag-Gefühl schleicht sich an. Wir haben schon 24 Kilometer hinter uns, aber ein ganzer Tag liegt noch vor uns. Im Wald waren wir die Einzigen, die bergab gegangen sind, und es hat sich gut angefühlt. Schwitzend und stöhnend kamen uns die Aufsteiger entgegen. Zur Mittagszeit wird es sicher mehr als voll auf dem Gipfel sein.

Im Wald kam mir noch eine Idee. „Wir sind ja nachher relativ früh in Schierke und …“ „Ich weiß, worauf du hinauswillst, aber sprich weiter“, kommt es nur von Debbie. Zwei Dumme, ein Gedanke: Mittagessen gehen. Wir verbringen die Zeit, bis unser auserwähltes Restaurant öffnet, noch in einem kleinen Park. Später gibt es für mich Backfisch mit Salat und Bratkartoffeln. Für Debbie ein Schnitzel mit Pommes. Zum Abkühlen einen Eiskaffee als Nachtisch.

Debbie ganz ernst, nachdem wir unser Kaltgetränk fertig geschlürft haben: „Nur weil wir jetzt hier einen Eiskaffee trinken, essen wir doch trotzdem nachher noch ein Eis am Campingplatz, oder?“ Ich schaue sie fassungslos an.„Natürlich. Was für eine Frage.“ Wäre das auch geklärt. Am Ende werden es zwar zwei große Stücke Kuchen, aber das spielt ja keine Rolle.

Kann ich bitte einfach hier bleiben?

Den restlichen Tag verbringen wir in Liegestühlen unter einem Baum auf dem Campingplatz. Von so vielen Insekten wurde ich schon lange nicht mehr „belästigt“. Alle Arten von Käfern krabbeln auf mir herum. Leider hat sich auch eine Zecke auf meinem Fußrücken festgebissen. Ansonsten ist es einfach nur herrlich auf diesem schönen kleinen Flecken Erde zu relaxen und die Seele nach einem vollen Wandertag baumeln zu lassen.

Da Debbies Blasen leider untragbare Ausmaße angenommen haben, hole ich abends unsere gebratenen Nudeln vom Asiaten ab und wir essen sie auf unserer Bank vor dem Zelt direkt aus den Aluschalen. Hat definitiv auch was. Später machen noch ein paar Leute Musik mit mittelalterlichen Instrumenten und der laue Frühsommerabend plätschert sachte vor sich hin.

Alles kommt so, wie es kommen soll – Wandergesetz

Blasen sind einfach kacke. Sie können jeden treffen, egal wie viel oder wenig man vorher trainiert hat. Es gibt Faktoren, die sie begünstigen, und solche, die helfen können, sie zu vermeiden, wenn alles gut läuft. Aber sie sind nie ein Zeichen von Schwäche oder Nichtkönnens. Shit happens. Die Tour heute kann eh nichts mehr toppen.

So schenken wir uns die restlichen 14 Kilometer am nächsten Tag und fahren mit dem Bus zurück nach Torfhaus. Natürlich erst noch mit einem Umstieg in Braunlage. Direktverbindung zwischen Ost und West – Fehlanzeige.

In Braunlage haben wir so aber noch Zeit für einen kleinen Einkaufsbummel. Ich finde ein Armband und Ohrringe. Debbie einen kleinen Plüschfrischling für ihren Sohn. Ein Softeis passt nach dem opulenten Frühstück gerade noch so rein. Das Restaurant und Hotel Luis in Schierke ist sehr zu empfehlen. Ein unglaublich vielfältiges und außergewöhnliches Buffet, Heißgetränke inklusive, und nettes Personal.

Gegen späten Nachmittag stehen wir wieder vor dem Auto und fahren nach Hause.

Harz: Das war nicht mein letzter Besuch.

Fakten

📍 Strecke: Schierke → Brocken → Zeterklippen → Schierke
🥾 Länge: 22,2 km
⛰️ Höhenmeter: +700 m / –700 m
🏕️ Übernachtung: Campingplatz Schierke
🍽️ Mittagessen: Café am Kurpark
🍽️ Abendessen: Asiahaus Schierke

Da die Strecke eigentlich als Rundkurs gedacht gewesen war, möchte ich euch Etappe 4 natürlich nicht vorenthalten.