Habe ich das Ganze unterschätzt? Würde ich es nochmal machen? Wie bin ich durchgekommen – und angekommen?
Die 100 km am Stück standen schon seit einiger Zeit auf meiner Bucketlist. 2019 beim ersten Megamarsch Weserbergland sind es 50 km geworden. Seitdem bin ich alleine nochmal 65 km am Stück gewandert. 100 km klangen immer noch nach viel und respekteinflößend, aber nicht mehr ganz so unrealistisch. Also: Warrior Hike 2026 – Gehen wir es an!
Start ist am Freitagabend um 22:00 Uhr am Schiedersee in Lippe. Von Donnerstag auf Freitag halte ich mich mit drei großen Tassen schwarzem Tee, der Bearbeitung der übrigen Portugalfotos und einem Videoprojekt bis 4:00 Uhr wach. Ich schaffe es tatsächlich, mit heruntergelassenen Rollos bis 12:00 Uhr zu schlafen. Der restliche Tag bis zum Abend ist ein komischer Mix aus Essen, Fernsehen, Bilder bearbeiten, Lesen und dem Versuch, nicht nervös zu sein. Umso froher bin ich, als ich endlich ins Auto steigen und losfahren kann. Am Parkplatz wartet der Rest meiner Truppe und wir melden uns an. Jeder bekommt einen dicken Tracker in die Hand gedrückt, eine Startnummer und eine Goodie-Tasche.


Pünktlich um 22:00 Uhr starten wir zu dritt mit ungefähr 100 weiteren Wandernden. Während der ersten Kilometer entlang des Schiedersees und hoch in den Wald bleibt das Feld relativ dicht beieinander. Es scheinen viele „Profis“ dabei zu sein. Ich schnappe Gespräche über besuchte Events in München und ganz Deutschland auf. Jemand vor uns raucht. Unangenehm. Eine Kette heller Punkte blitzt vor und hinter uns auf. Wie Glühwürmchen schlängeln sich die Lichter der Stirnlampen durch den Wald.
Irgendwann beginnt sich das Feld auseinanderzuziehen. An den ersten Versorgungsstationen nach 9, 16 und 25 km fliegen wir nur so vorbei. Wir sind schnell unterwegs: 6,2 km/h. Es macht Spaß, es fühlt sich leicht an. Wir füllen Wasser auf – das leider überhaupt nicht schmeckt – futtern saure Gurken, Balisto, Babybel und Schokolade. Für ein paar Kilometer mache ich mir Sorgen um meinen Magen. Mitten in der Nacht etwas zu essen bekommt ihm eigentlich nicht. Die leichten Krämpfe verschwinden zum Glück wieder. Und es ist warm. Wärmer als erwartet. Ich laufe die halbe Nacht im T-Shirt.


Im Dunkeln zu laufen hat seine ganz eigene Magie. Es hat etwas Meditatives, nicht zu sehen, was sich fünf Meter vor oder neben dir befindet. Die Ablenkungen sind minimiert. Die Welt schrumpft zusammen auf dich und die beiden Menschen, mit denen du unterwegs bist. Ein Käuzchen schreit im dunklen Wald. Du läufst durch einen Tunnel, immer weiter über Stock und Stein. Ich bin jedoch sehr froh darüber, Daniel dabeizuhaben, der den Track auf seiner Uhr gespeichert hat. Die Beschilderung lässt in der Nacht an manchen Stellen leider zu wünschen übrig.
Um 4:00 Uhr morgens, auf einem Feldweg bei Kilometer 30, brennt eine Feuerschale. Menschen stehen um einen Kofferraum, daneben eine Bierzeltgarnitur mit einer kleinen Lampe darauf. Eine Frau erklärt uns fröhlich, was es alles gibt: Mäusespeck, Gummibärchen, Nüsse, Weintrauben, Schokoküsse.
„Macht euch ’ne bunte Tüte. Ihr seid so toll, dass ihr das macht“, sagt sie. Nein, du bist toll, dass du hier einfach um diese Uhrzeit stehst und uns mit so genialer Trailmagic überraschst. Natürlich machen wir uns jeder eine kleine Tüte fertig und wandern beschwingten Schrittes weiter.

Um Kilometer 40 herum beginnt es zu dämmern. Wir sind zur perfekten Zeit am perfekten Ort und laufen direkt in den Sonnenaufgang hinein. Wir sind aufgedreht und genießen das erste Tageslicht. Die Gruppe hinter uns steuert den besten 90er-Soundtrack bei.


Nach 50 km wieder am Schiedersee
Der Schiedersee ist nach zehn Stunden wieder in Sicht. Auf die Minute genau – und mit einem kleinen Sprint – schaffen wir es, unsere 50-km-Starter anzufeuern, als um 8:00 Uhr der Startschuss fällt. Nach einigen Umarmungen laufen sie los und wir gönnen uns eine etwas längere Pause und ein ordentliches Frühstück. Es gibt Kaffee, Porridge und Brötchen.
Die von Deutschland nach Portugal in den Wanderurlaub verschleppten und wieder reimportierten Blasen an meinen Füßen machen sich leider bemerkbar. Ich versuche sie mit Blasenpflastern zu verarzten, doch die kleben einfach nicht auf meiner Haut. Gut, dass ich Tape eingepackt habe. Der Wiedereinstieg nach der Pause fällt schwer. Ich habe das Gefühl, mir zusätzlich noch einen beginnenden Wolf gelaufen zu haben. Das kann ja noch was werden.
Die ersten Kilometer führen wieder am Schiedersee entlang. Dieses Mal mit freier Sicht. Es ist sonnig und warm. Statt links geht es jetzt rechts in den Wald hoch. Die Gesamtstrecke besteht aus einer Acht. Wir überholen ein paar andere Hiker und tauschen uns kurz aus. Generell empfinde ich dieses Event aber als wenig kommunikativ. Jeder geht sein Ding – als kleine Gruppe oder auch allein. 100 Starter sind nicht viel, aber auch später, als wir vermehrt auf die 50er treffen, bleibt die Stimmung gefühlt gleich. Dabei sind es dann um die 500 Menschen.
Früher die Zähne zusammenbeißen als gedacht
Kilometer 60. Kilometer 60,5. Kilometer 60,9. Was ist auf einmal mit meiner Uhr? Warum fliegen die Kilometer nicht mehr so dahin? Es wird langsam anstrengend. Die Füße schmerzen. Jetzt schon? Ich hatte gehofft, dass das Durchbeißen erst ab Kilometer 80 losgeht. Weit gefehlt.
Zwischendurch schauen wir auf die Trackingkarte, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo wir uns im Vergleich zu den anderen befinden. An der Versorgungsstation bei Kilometer 65 in Lügde meinen die Helfer, dass wir eher im hinteren Drittel seien. Eigentlich auch egal – hier geht es allein ums Ankommen. Die Versorgungsstation ist schon ziemlich abgeräumt. Wir kriegen den Rest vom Fest. Beim Wandern verspüre ich – anders als während der Arbeit am Rechner – kaum das Bedürfnis, etwas zu essen, außer mein Magen meldet sich. Hier ist es komplett anders. Ich bin eigentlich durchgehend am Futtern. Balisto, Kekse – alles wird weginhaliert. Und scheinbar auch benötigt.
Die zweite Hälfte ist asphaltlastiger und hat fiesere Anstiege. Der Wolf hat zum Glück irgendwann den Rückzug angetreten und belästigt mich nicht weiter. Zwischenzeitlich stellen die Höhenmeter sogar eine willkommene Abwechslung dar und entlasten Muskeln und Füße durch die andersartige Bewegung.
Es hilft alles nichts …
Bei Kilometer 70 hadere ich lange mit mir, schmeiße dann aber doch eine Ibuprofen 400 ein. Nicht schön, aber die Füße brennen einfach nur noch. Die nächste halbe Stunde beiße ich die Zähne zusammen. Starre in Trance auf die Waden meines Vordermanns. Von der Landschaft um mich herum bekomme ich nicht mehr viel mit. Bekomme aufmunternde und lustige gesungene Sprachnachrichten, die mich zum Lachen bringen und motivieren weiter zu machen.
Bei Kilometer 80 sind wir nur noch zu zweit. Noah hat so stark durchgezogen - meinen größten Respekt. Auch für die Entscheidung aufzuhören, die nicht leicht viel, aber am Ende die richtige war.
Nach einer halben Stunde beginnt die Ibu zu wirken. Faszinierend, wie man den Einfluss spürt und der Schmerz auf einmal betäubt ist. Ich nutze die Situation und zünde den Turbo. Alles andere funktioniert ja auch noch. Die Beine sind in Ordnung, von allgemeiner Ermüdung keine Spur. Das Knie spielt mit. Die Kilometer ziehen sich trotzdem wie Kaugummi – und es wird nicht besser. Die letzten 23 Kilometer sind purer Kampf.
Motzen und fluchen, motzen und fluchen
Irgendwann sind es nur noch zehn. Aber auch zehn Kilometer bedeuten noch zwei Stunden reine Laufzeit, bis wir endlich am Ziel sind. Es geht hoch und runter, hoch und runter. Ich fluche mich aufs Derbste die letzten Hügel hinauf. Ich glaube Daniel neben mir war nicht nur rot im Gesicht vor Anstrengung. Die irgendwann mal angemachte Spotify-Playlist läuft gefühlt zum vierten Mal durch – aber wen juckt’s. Die Stöcke werden in den Boden gerammt. Bei Asphaltpassagen mache ich mir auch nicht mehr die Mühe, die Gumminupsis wieder hervorzukramen und aufzusetzen. Soll es doch klacken auf der Straße.
Wir überholen trotzdem immer wieder Einzelkämpfer oder Grüppchen. Kilometer 92. Irgendwo hole ich aus purer Verzweiflung noch eine versteckte Reserve hervor und beschleunige bergab. 6,2er-Schnitt. Wir beenden das Ganze jetzt verdammt nochmal so, wie wir es angefangen haben.
Die letzten 5 Kilometer
Fünf Kilometer vor dem Ziel treffen wir Melli und Mark. Sie sind die 50 km gewandert. Es ist perfekt. Zusammen machen wir uns auf zum Endspurt. Letzter Kilometer. Freunde aus der Kletterhalle begleiten uns. Eine willkommene Ablenkung. Ich kann es nicht fassen, als der Schiedersee in Sicht kommt. Sind wir wirklich endlich da?
Durch die Lautsprecher ertönen unsere Namen. Wir haben es geschafft und fallen uns in die Arme. Holen unsere Urkunden ab und geben unsere Tracker zurück. Mit den Essens- und Getränkemarken gibt es Cola und eine Mantaplatte. Die Füße sind durch, die Waden wollen nicht mehr stehen. Aber es ist vollbracht. Die 100 sind geknackt.


Von Müdigkeit – nach 34 Stunden wach sein – immer noch keine Spur. Eher aufgedreht. Vielleicht noch im Zuckerrausch von allem, was ich gegessen habe. Ich lasse mich nach Hause fahren. Das Auto wird morgen geholt. Alles andere wäre wahrscheinlich auch unvernünftig. Ich sitze und will nicht mehr aufstehen. Freue mich über die ganzen Glückwünsche über WhatsApp. Überrede mich doch noch zum Duschen. Klares Wasser muss reichen. Liege im Bett und schlafe sofort ein.
Fazit
Würde ich es nochmal machen?
Wahrscheinlich nicht. Ich liebe das Wandern, aber diese Art von Extremsport reizt mich für eine Wiederholung einfach nicht. Es war eine Erfahrung, über die ich froh bin, sie gemacht und geschafft zu haben. Aber beim Wandern zählen für mich andere Dinge als „es zu schaffen“. Ich möchte die Landschaft, den Weg und die Gesellschaft genießen können – und das war hier definitiv nicht der Fall. Der Morgen danach war wirklich hart. Gehen eine Herausforderung. Seit langem hatte ich zudem auch mal wieder Muskelkater in den Oberschenkeln, zusätzlich zu den lädierten Füßen und den harten Waden.
War es eine Grenzerfahrung?
Ja, irgendwie schon. Aber komplett über meine Grenzen hinaus bin ich nicht gegangen. Es war wirklich hart, aber ich habe zu keinem Zeitpunkt ans Aufgeben gedacht.
Statistiken
Gegessen
- 3½ Äpfel
- 2 Käsebrötchenhälften
- 1 Ei
- 6 Haferkekse
- 4 Mini-Rittersport-Cubes
- 6 Balisto-Doppelpackungen
- ½ saure Gurke
- 1 Babybel
- 4 Mäusespeck
- 1 kleine Portion Porridge
- 1 kleine Packung M&Ms
- 1 kleine Packung Salzbrezeln
- 2 Doppelpackungen Twix
- 1 Cliff Bar
- 1 Pocket Coffee
- Nussmix und Kekse (kleine IKEA-Tüte)
- 1 Stück Apfelkuchen
- 1 Stück Streuselkuchen
- 1 Mini-Pick-up
- 1 Mantaplatte
Daten
- 100 km
- 2143 Höhenmeter
- 141.432 Schritte
- Zeit: 21:35:42
- Verbrannte Kalorien: 5.597
- 34 Stunden wach
- Platz 57 von 93 Angekommenen und 109 Gestarteten