Die Nacht über war es so warm, dass ich nur im T-Shirt und in Unterwäsche geschlafen habe und der Schlafsack lediglich als Decke diente. Um 6:30 Uhr weckt mich ein lautes Brummen in Kopfnähe. Die Hummeln sind hier wohl Frühaufsteher. Beschwingt und ohne Muskelkater krieche ich aus meinem Zelt. Claudia schläft noch. Ein wunderschöner Sonnenaufgang begrüßt mich und der Blick von unserer Plattform ins Tal ist malerisch. Die Luft ist frisch und fühlt sich nach Sommer an.
Entschleunigung statt Power Walk
Ich schreibe meinen Tagebucheintrag über den vergangenen Tag, räume etwas auf und herum, lüfte meinen Schlafsack, sortiere Bilder und merke, dass ich ein bisschen hibbelig werde. Normalerweise ist mein Wandermorgen gut durchgetaktet: Aufstehen, Toilette, alles einpacken, frühstücken und zwischen 8 und 9 Uhr loslaufen. Dieses Mal ist – und soll – es bewusst anders sein. Entschleunigt. Also versuche ich, mich darauf einzulassen.



Um 9 Uhr erwacht Claudia. Wir frühstücken und vertüddeln die Zeit bis zum Mittag mit Quatschen und sind dankbar, an diesem tollen Ort zu sein. Nur die Florfliegen lassen uns einfach nicht in Ruhe. Sie sind harmlos, aber schon penetrant. Und eine doch erwähnenswert große Spinne hat es sich auf Claudias Handtuch bequem gemacht und mit dem Nestbau begonnen.
Ich bin immer wieder überrascht, belustigt und fasziniert, was Claudia alles aus ihrem Hermine-Rucksack hervorholt. Für das alles müsste er eigentlich noch viel mehr wiegen. Hin und weg bin ich von ihrem „Druck-Book“, das wir auch schon fleißig benutzt haben. Es besteht aus einem Stempelkissen, Knete und Aquarellpapier. Wir suchen uns Dinge und Strukturen auf unserem Weg, deren Abdrücke wir auf unser Reisetagebuch stempeln wollen.


Um 12:00 Uhr haben wir zusammengepackt und ziehen los. Der Weg ist weniger anstrengend als gestern. Es geht etwas bergauf durch den Wald und an einer Wiese mit Kühen und vielen Kälbchen vorbei.
Danach laufen wir ein Stück über eine Teerstraße, parallel zur Autobahn. Zwei Herren auf Rädern kommentieren, dass das ja nicht der ideale Wanderweg sei – im Sinne von: Warum geht ihr hier lang? Einfach mal die Klappe halten. Zu dem dieser Abschnitt Teil eines offiziellen Pilgerweges ist.



Mittagspause mit Schörlchen
Über einen kleinen Pfad geht es bergab zu unserem ersten Tagesziel, der Gaststätte „Zur eisernen Weinkarte“ am Rande der Weinberge. Vorher können wir noch einem hübschen, kastanienbraunen Mäuschen beim Knabbern im Unterholz zuschauen.
Alkoholfreies Weizen und eine Pommes als Mittagessen. Wein stand für heute tatsächlich nicht mehr auf unserem Plan, aber bei einem erneuten Aufschlagen der Karte fällt mein Blick auf die Schorlen. Viel trinken ist wichtig bei den Temperaturen, und Claudia hat noch keine Schorle aus einem Dubbeglas getrunken.
Nach entspannten eineinhalb Stunden Pause und einem weiteren Abdruck für unser Reisetagebuch machen wir uns auf den Weg zu unserer Plattform. Wir durchqueren die Weinberge mit Blick auf die Mosel. Hinter jeder Biegung erwartet uns eine noch schönere Aussicht.







Trekkingplattform „In den Weinbergen“
Die letzten Kilometer geht es wieder in den Wald. Relativ schnell finden wir unsere Plattform „In den Weinbergen“. Sie liegt nicht ganz so spektakulär wie die erste, hat aber ihren eigenen Charme. Direkt unter uns wächst der Wein, und von hinten schützt uns eine Wand aus Stein. Wir schauen Richtung Wald ins Tal.
Die Wäscheleine hängt. Die Klamotten trocknen. Claudia packt den Kreativkram aus. Die nächsten Stunden versinken wir im Aquarellmalen, Stempeln und Zeichnen. Trinken dabei Kaffee. Die Zeit vergeht wie im Flug, und wir stellen gegen Abend die Zelte auf. Der Wind hat zum Glück etwas nachgelassen. Heute gibt es kein ganz so dekadentes Abendessen wie zuvor. Ich kredenze uns mein vorbereitetes Trekking-Couscous mit Gewürzen, Trockengemüse und Cashewkernen – mit einem Topping aus Röstzwiebeln.
Wie auch immer das passiert ist – auf einmal ist es schon nach 22:00 Uhr, und wir gehen ins Bett. Es ist immer noch kuschelig warm.




