Der Himmel ist grau, die Luft schwülwarm. Mein Zelt trocknet. Auf dem Weg zum Waschraum spricht mich eine ältere Outdoor Enthusiastin auf meine Sandalen an. Ich erkläre ihr, wie ich sie mit Hilfe eines YouTube-Videos selbst „gebastelt“ habe. Ich hätte mich gern nochmal mit ihr unterhalten, aber irgendwie kommt es dann doch nicht dazu. Ich glaube, sie hätte ein paar interessante Geschichten auf Lager gehabt.
Die andere Richtung wäre schlimmer gewesen…
Die heutige Etappe soll leicht werden: kein Gekraxel, keine 1000 Höhenmeter – klingt traumhaft. Zwei Kilometer nach dem Campingplatz dann das erste Stirnrunzeln: „Ab hier nur für geübte Wanderer“ steht auf einem Schild. Was soll das jetzt? Zähle ich mich dazu? Gibt’s eine Alternative? Offenbar nicht. Die ersten Meter sind harmlos – Wurzeln, Steine, umgestürzte Bäume. Alles wie gehabt. Unspektakulär. Hätte ich das mal besser nicht gedacht. Keine zwei Kurven weiter stehe ich vor einem chaotischen Steinhaufen – kein Weg in Sicht. Noch während ich rätsle, wie es hier weitergehen soll, klettern zwei ältere Herrschaften mit Tagesrucksäcken seelenruhig von oben herunter. Aha. Also da hoch. Allein wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass das der offizielle Weg sein soll. Ich kraxle also über die Brocken und bin heilfroh, dass ich nicht in die andere Richtung unterwegs bin – abwärts wäre das deutlich riskanter geworden. Oben wartet ein freundlicher älterer Herr, der mich fragt, ob ich die Stelle gut überstanden habe. Er erzählt mir vom Erdrutsch vor zwei Jahren, der den ursprünglichen Weg zerstört hat. Geld für den Wiederaufbau? Fehlanzeige. Stattdessen: Warnschild und viel Glück. Knochenbrüche seien hier keine Seltenheit. Von oben gibt es übrigens eine ausgeschilderte Umleitung. Natürlich.


Never change a running system oder der Regen, den niemand kommen sah
Ich gehe einen Feldweg zwischen Kirschbäumen entlang und pflücke mir ein paar reife Früchte. Es riecht nach Heu, Gräsern, Juniluft. Die Grillen zirpen. Eine leichte Brise weht. Am Bach entlang. An Kühen vorbei. Trampelpfad mit Blätterdach. Ab in den Wald. Bergauf. Ohne Treppen?! Einfach nur bergauf. Überholt werde ich von einem Trailläufer. Rentner. Waden wie gemeißelt. Die tägliche Portion Aussicht folgt auch alsbald.
Es ist 12:00 Uhr und eigentlich Zeit für ein Eis. Die Gaststätte zu meiner Linken weist mit einem Schild auch auf die Verfügbarkeit hin. Ja, nein, ach – irgendwie habe ich noch keinen Hunger, erst Pause gemacht. Weitergehen. Blabla. Hätte ich mal auf mein Bauchgefühl gehört! Keine 50 Meter weiter werde ich aus heiterem Himmel von einem sintflutartigen Regenschauer überrascht. Ich rette mich unter eine große Erle und drücke mich an den Stamm. Zwei Mädels, ebenfalls auf dem Malerweg unterwegs, leisten mir Gesellschaft. Das Wasser dringt durch die Blätter und läuft am Stamm hinunter. Wir warten das Gröbste ab und rennen dann zurück zur Gaststätte. Im Vorraum drängen sich weitere Wanderer. Sitzplätze gibt es keine mehr. Ich kaufe ein Eis!


Die Sache mit der Unterkunft
Es ist schwülwarm, der Abstieg durch den Wald glitschig. Wie immer ist der Weg um keinen weiteren Anstieg verlegen. Es geht noch einmal ans Eingemachte. Vom „Tiefen Grund“ geht es steil bergauf zur „Brandaussicht“ – 200 Höhenmeter auf 500 Metern, über Treppen. Oben angekommen erwartet mich ein riesiger, überfüllter Biergarten. Überall hängen Klamotten zum Trocknen. Es wurden wohl noch mehr vom Schauer überrascht. Ich blicke zur nicht weit entfernten Festung Königstein. Es ist verwirrend, wie nah alles ist. Das schlechte Wetter hält an. Es ist windig und nieselt immer wieder. Zum ersten Mal krame ich meinen Regenponcho aus den Tiefen meines Rucksacks. Die Waldwege variieren von breit zu schmal. Schwierigkeit: 2/10. Im Polenztal taucht plötzlich eine Waldgaststätte mit Hotel vor mir auf. Kaffee!! Wie konnte ich es eigentlich die letzten Tage ohne Koffein aushalten? Vielleicht hat der Instantkaffee im Porridge am Morgen gereicht. Ich setze mich und bestelle einen Latte Macchiato. Ich bekomme einen Keks dazu. Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor. Es ist wunderbar. Weit bis zum Ziel ist es auch nicht mehr und noch recht früh am Tag. Eine kleine Stimme in meinem Kopf meldet sich und sagt: „Vielleicht rufst du doch mal sicherheitshalber bei der geplanten Unterkunft an.“ Geplant ist die Übernachtung in einer Rucksackunterkunft in Rathewalde. Natürlich habe ich nichts auf dieser Tour vorgebucht. An Pfingstmontag eventuell nicht so klug. Ende vom Lied: Unterkunft voll! Ich frage die gute Dame am Telefon, ob sie eine Alternative für mich wüsste. Sie nennt mir eine Pension im gleichen Ort. Bevor ich dort anrufe, frage ich noch im Hotel, in dem ich gerade sitze. Leider auch schon ausgebucht. Ernsthafte Gedanken, wo ich am Abend schlafen werde, mache ich mir noch nicht. Ich habe ja ein Zelt – aber innerlich war ich darauf eingestellt, es nicht nochmal aufbauen und eventuell wieder nass, am letzten Tag, einpacken zu müssen. Ich rufe also bei der empfohlenen Pension an und habe tatsächlich Glück. Die Aussicht auf ein Zimmer lässt mich innerlich Konfetti werfen. Ich genieße die letzten Schlücke meines koffeinhaltigen Heißgetränks und mache mich beschwingt auf die letzten Kilometer.




Auf dem Boden der Tatsachen bleiben
Tja… Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben – oder wie war das? Statt drei werden es vier Kilometer, weil ich mich an einer Stelle ordentlich verlaufe und plötzlich im Nichts stehe. Gut, dass mein Bauchgefühl, was Verlaufen angeht, irgendwann Alarm schlägt. Ich gehe also im Regenschauer den Weg zurück und stehe wieder vor den Felsen von vor ein paar Minuten. Ein schmaler Aufgang zwischen den Felsen scheint der offizielle Weg zu sein. Ausgeschildert? Nope! Kennen wir ja schon.




Abgegriffen, aber immer wieder wahr: Die einfachen Dinge im Leben sind es
Nach fünf Tagen im Wald ist die viel befahrene Straße nach Rathwalde ein kleiner Kulturschock. Ich folge einem Feldweg bis in den Ort – und da ist sie: Pension Kunert. Mit Handschlag werde ich vom Chef höchstpersönlich begrüßt. Seines Zeichens Ursachse, älteren Kalibers. Rundlich, freundlich, zuvorkommend. Er geleitet mich vom Frühstücksraum ins Nebengebäude: langer Flur, Teppichboden, ziemlich viele Zimmer. Eine Nische mit SB-Kühlschrank und Snacks. Haken an der Sache: „Sie wissen, dass man bei uns nur bar zahlen kann?“ Ich schlucke. Überschlage im Kopf das restliche Bargeld in meinem Portemonnaie. Eigentlich sollte es noch reichen. Und wenn nicht, wäre das etwas, was ich am Morgen mit ihm klären würde. Jetzt genieße ich mein Zimmer. Wie schön es ist, nach vier Tagen im Zelt einen Raum zu haben, in dem man sich einfach ausbreiten kann. Ich hänge mein noch feuchtes Zelt quer durchs Zimmer und breite alles aus, was irgendwie trocknen muss. Liebend gern hätte ich mir ein Kaltgetränk aus dem Kühlschrank geholt, aber ich halte mein Bares lieber zusammen. Dafür verspeise ich Frühstück und Abendessen direkt hintereinander. Morgen gibt es ja Buffet. Der „einfache“ Tag endet mit 26 Kilometern und 860 Höhenmetern.
Gute Nacht.
Übernachtung: https://www.pension-kunert.de/
