Da es die Nacht über trocken geblieben ist, kann ich glücklicherweise auch ein trockenes Zelt einpacken. Um 8:00 Uhr bin ich startklar – und auch wieder ein paar hundert Gramm leichter. Mein Buch stelle ich ins schon gut gefüllte Regal des Campingplatzes. Da dieser etwas abseits liegt und ich keine Lust habe, den Weg von gestern zurückzugehen, nehme ich die Straße. Nach drei Kilometern bin ich zurück im Wald. Ein kurzer Abstecher führt mich zur Kleinsteinhöhle. Kann man machen, muss man aber nicht. Oder ich bin mittlerweile einfach etwas abgestumpft, was Felsen und Höhlen betrifft.


Die Sache mit dem Verlaufen, Teil 2 von …
Dafür, dass kein Regen angekündigt war, muss ich zu oft mein Schirmchen zücken. Wenn ich nicht schwitze, kommt das Wasser eben von oben. Der Schirm: immer noch die best investierten 99 Gramm. Ein kleiner, wunderschön romantischer Trampelpfad mit viel grüner Vegetation führt mich oberhalb des Kirnitzschtals entlang. Obwohl es noch relativ früh ist, kommen mir schon einige Wandergrüppchen entgegen.
Beschwingt gestartet, bekommt meine Laune einen Dämpfer, als ich mich zum ersten Mal verlaufe. Das Schild ist nicht eindeutig, das GPS findet mich wieder mal nicht und vielleicht bin ich auch einfach nicht gut im Kartenlesen. Irgendwann erreiche ich eine Straße, auf der ein Pärchen unterwegs ist. Ich frage, ob sie auch den Malerweg gehen. Nach ein paar hundert gemeinsamen Metern sprechen wir über unsere Tagesziele. Zum Glück! Ich gehe nämlich in die falsche Richtung. Im Nachhinein frage ich mich, ob die beiden nicht auch falsch unterwegs waren – sie kamen von ganz woanders und gingen in eine ganz andere Richtung. Ich werde es wohl nie erfahren.
Ich mache also einen Schlenker zurück zum eigentlichen Weg. Komme an der Buschmühle und der Neumannsmühle vorbei, die heute als Gaststätte und Wanderherberge genutzt werden. Ich folge der Kirnitzsch (Bächlein) über einen kleinen Pfad bis zur Felsenmühle und biege dann ins Gebiet des Kleinen Zschands ab. Das Gebiet ist deutlich stärker frequentiert als die Etappen der letzten Tage. Immer wieder beginnt es zu nieseln.
Ständig muss ich auf die Karte schauen. Bin mir unsicher, wo der Weg verläuft und welchen Abzweig ich nehmen muss. Irgendwann stehe ich mit meinem Schirm an einer Kreuzung. Malerweg? Fehlanzeige. Ich drehe mich dreimal im Kreis und habe keine Ahnung, wo ich bin. Eine Gruppe Tagestouristen wartet den Regen in einer Schutzhütte ab, und ich frage nach Rat. Letztlich bin ich auf der breiten Waldautobahn komplett in die falsche Richtung gelaufen. Es regnet, der Weg ist nicht schön, ich weiß nicht genau, wie weit ich zurück muss, und bin zutiefst genervt. Der Malerweg ist mittlerweile nur noch auf Holzwegweisern ausgeschildert und nicht – wie viele andere Wege – zusätzlich mit „Beruhigungsschildern“ an Bäumen markiert. Das GPS braucht ewig zur Standortaktualisierung. Ich gehe also zurück. Irgendwann fängt sich das GPS, und am Ende bin ich nur etwa 300 Meter zu weit gelaufen. Bei Regen und schlechter Laune fühlt sich das allerdings wie eine Ewigkeit an. Ich stelle fest, dass ich hoch zum Kuhstall muss. Der Malerweg ist jedoch weder von der einen noch von der anderen Seite des Schildes ausgewiesen. Vor dem Aufstieg mache ich Pause und nutze einen Baumstamm als Rastplatz. Der Regen lässt langsam nach. Während ich mein trockenes Laugenbrötchen esse, schallen Stimmen von oben herab. Immer mehr Menschen gehen an mir vorbei den Weg entlang. Wie Wanderer sehen die meisten nicht aus: Alltagskleidung, Bierflaschen, Familien. Irgendwann wird mir klar – es ist Wochenende. Mein Zeitgefühl ist in den letzten Tagen komplett ausgeknipst worden.



Mutprobe und Belohnung
Der Aufstieg gestaltet sich entspannt. Oben angekommen, erwartet mich ein riesiger, höhlenartiger Durchgang – und mehr Menschen, als ich in den letzten Tagen insgesamt gesehen habe. Ich entdecke einen superschmalen Aufstieg in einer Felsspalte: die Himmelsleiter. Kritisch beäuge ich die Metallstufen. Passe ich da mit Rucksack durch? Will ich da wirklich durch? Enge Räume über 30 Meter hinweg sind nicht unbedingt mein Ding – aber cool ist es schon. Und da sind ja auch Kinder hochgegangen. Oben angekommen, hat es sich gelohnt. Der Ausblick – und ein kleines, großes Erdbeer-Vanille-Softeis in der Felsenwirtschaft auf dem Kuhstall – verbessern meine angeschlagene Laune massiv. Softeis ist wirklich ein Ding hier in der Region. Ich liebs.






Overload. Ich kann nicht mehr.
Die richtig knackigen Anstiege der letzten Tage bleiben heute aus. Dafür sind die Wege auf andere Weise anspruchsvoll: drücken, schieben, quetschen, klettern, balancieren, über Felsbrocken steigen, Leiter hoch, Stiege runter. Einmal verliere ich komplett die Orientierung zwischen den Gesteinshaufen und finde den Weg nicht mehr. Nach zehn Sekunden leichter Panik höre ich jedoch Stimmen und sehe Menschen ein paar Meter über mir. Die Ausblicke sind unglaublich – hinter jeder Ecke ein neues Highlight. Der Weg schlängelt sich vorbei an hohen Sandsteinfelsen und durch enge Felsspalten. An den Schrammsteinen angekommen, entscheide ich mich, den Gratweg auszulassen. Ich kann einfach nicht mehr – auch wenn es wohl ein weiteres Highlight sein soll. Die Trittsicherheit lässt nach, mein Kopf raucht von der ständigen Konzentration, und ich will einfach nur noch den Campingplatz erreichen. 31,5 Kilometer sind dann auch genug für heute. Ich steige die letzte steile Leiter hinab – und kann mich an die übrigen Kilometer zum Ziel kaum noch erinnern, nur dass sie sich gezogen haben.





Kirchenlieder und Duschodyssee
Auf dem Campingplatz Ostrauer Mühle muss ich mich erstmal orientieren. Das Areal ist riesig. Über mehrere Ebenen gibt es Bereiche für Wohnwagen, Zelte und Dauercamper. Ich erfrage den Weg zur Rezeption und folge einem Pärchen, das in die gleiche Richtung muss. Dort bekomme ich den Platz „M“ zugewiesen und eine schwere Emailletafel in die Hand gedrückt, die ich an mein Zelt hängen soll. Witzig – eine Hausnummer hatte ich beim Zelten auch noch nie. Wie schon erwähnt: Der Platz ist riesig und irgendwie unsympathisch. Es riecht nach Abfluss, und es laufen merkwürdige Menschen umher. Zwei Jungs, vielleicht sechs und acht, schmettern lauthals Kirchenlieder, während sie über den Platz hüpfen. Eine andere Gruppe grillt direkt vor den Waschräumen. Handy- und Internetempfang: quasi nicht vorhanden. Und zu guter Letzt brauche ich vier Anläufe zum Duschen: Stehe in der Dusche – Handtuch vergessen. Stehe in der Dusche – Duschkarte vergessen. Stehe in der Dusche – Kulturbeutel vergessen. Meine Güte! Danach falle ich in mein Zelt und mache irgendwann die Ohropax rein, als ich keine Lust mehr habe, den Geschichten über eine deprimierende Kindheit im Osten, meiner direkten Zeltnachbarn zu lauschen. Gute Nacht.
Übernachtung: https://www.ostrauer-muehle.de/preise-campingplatz.html

