Der Malerweg. Was wusste ich vorher von ihm? Eigentlich nicht viel. Von der Basteibrücke hatte ich gehört. Das beeindruckende Elbsandsteingebirge kannte ich von Bildern, und die Sächsische Schweiz als solche hatte ich schon seit Langem als Wanderziel im Hinterkopf.
So arbeitete ich mich durch Blogbeiträge anderer WandererInnen und schaute mir die offizielle Website der Sächsischen Schweiz an. Von offizieller Seite ist der Malerweg in acht Etappen aufgeteilt. Er startet in Liebethal und endet in Pirna. Aber wann mache ich schon mal etwas, wie es gedacht ist? Urlaubstage müssen verdichtet werden. Also: sechs Etappen, und wir gehen das Ganze entgegengesetzt. Warum ich auf die Idee gekommen bin? Ich kann es nicht mehr sagen. Ich glaube, es lag an der Verfügbarkeit der Campingplätze entlang des Weges. Kann ich es empfehlen? Eigentlich schon. Habe ich mich genauer mit der Strecke und den Höhenmetern beschäftigt? Nein – war vielleicht auch besser so. Meine Gedanken: Wie schwer kann schon ein deutscher Premiumwanderweg sein? Die wollen doch die Touristen in die Region locken.
Dresden. Urlaub einläuten
Bevor ich in der „Wildnis“ verschwinde, verbringe ich noch eine Nacht in Dresden. Ich treffe mich mit Katja vom dortigen Ladies‘ Circle auf einen Kaffee – dafür liebe ich unser Netzwerk. Wir kannten uns vorher nicht, aber das Motto des Ladies‘ Circles und des Round Tables lautet nicht umsonst: „Wir treffen alte Freunde zum ersten Mal.“
Dresden hat einen coolen Vibe. Kultur. Architektur. Großstadt. Altstadt. Äußere Neustadt. Sommerfeeling. Salzkaramell-Popcorn-Softeis. Café Komisch. Kiez. Alaunstraße. Bars. Kneipen. Neustadt. Graffiti. Sticker. Hinterhöfe. Frauenkirche. Semperoper. Zwinger. Wasserspender im Park. Junge Leute spielen Boule. Sonnenuntergang an der Elbe. Lebendig. Alternativ. Klassisch. Hiroshi Sushi.
Dresden ist die erste Stadt, in der ich mich fast ohne Handy zurechtfinde. Mein Orientierungssinn ist wirklich nicht der beste, aber die Stadt ist super übersichtlich – mit vielen Fixpunkten, durch die ich mich schnell orientieren kann. Ich stelle schnell fest, dass Softeis hier ein echtes Ding ist. Die nächsten Tage können also nur gut werden.




Übernachtungstipp für einen schmalen Taler:
Das A&O Hotel, 500 m vom Bahnhof entfernt. Die Übernachtung im 6er-Frauenzimmer lag bei 23 €.
Tag 1: Pirna bis Königstein
Latte Macchiato vom Rewe to Go am Dresdner Bahnhof muss sein. Ich komme zum Gleis, und ohne warten zu müssen, steige ich direkt in die nächste S-Bahn ein. Die Stationen bis nach Pirna sind mein persönlicher Countdown:
10. Dresden Hauptbahnhof
9. Dresden-Strehlen
8. Dresden-Reick
7. Dresden-Dobritz
6. Dresden-Niedersedlitz
5. Dresden-Zschachwitz
4. Heidenau
3. Heidenau Süd
2. Heidenau-Großsedlitz
1. Pirna
Auf der Jagd nach der besten Eierschecke Sachsens und die Sache mit dem Transport
Vom Bahnhof aus mache ich mich auf die Suche nach der angeblich besten Eierschecke Sachsens – und laufe dabei dreimal im Kreis. Es ist keine 9:00 Uhr, und ich bin schon durchgeschwitzt, als ich am Café Walter ankomme. Kartenzahlung: Fehlanzeige. Interieur: 1995. Ich lieb’s.
Den Transport dieses empfindlichen Stücks Kuchen habe ich natürlich nicht bedacht. So laufe ich mit ausgestrecktem Arm und meinem Frühstück auf der Handfläche einen Kilometer bis zur Elbe. Joa – Schecke ist gut, fluffig, aber jetzt auch kein kulinarisches Highlight. Die erste Portion Zucker habe ich somit intus. Pirna ist ein hübsches Städtchen mit einer tollen Altstadt. Auf dem Rückweg werde ich mich noch etwas genauer umschauen.
Hinter dem Marktplatz entdecke ich ein Schild – weiß mit einem schwarzen „M“. Über die ersten von unzähligen Stufen an diesem Tag geht es hoch in den Wald. Auf einem schönen, wurzeligen Weg, top ausgeschildert, an der Hangkante entlang, mit Blick auf die Elbe. Nach wenigen Kilometern muss ich dieses schattige Idyll jedoch gegen ein gutes Stück Elberadweg eintauschen. Der Asphalt brennt, und die Füße sagen Aua. Das Blau des Himmels strahlt mir entgegen, aber die Wettervorhersage macht mich nervös – heftiger Regen soll am Abend kommen.
Bevor der Asphalt mich komplett zerstört, geht es zurück in den Wald. Unverhofft komme ich an einem kleinen Springbrunnen vorbei, der laut Recherche sogar natürlichen Ursprungs ist. Generell mangelt es entlang der Wege nicht an Wasserstellen. Ich bin nicht darauf angewiesen und habe auch keinen Filter dabei, aber wer autark unterwegs sein möchte, ist hier gut aufgehoben.







Das ist also die Sächsische Schweiz! Auf zu den Rauensteinen!
Völlig unvorbereitet lichtet sich der Wald, und ich blicke ins Panorama der Sächsischen Schweiz. Ich stehe auf den Rauensteinen. Es fängt leicht an zu nieseln. Mit mir ist nur ein Pärchen hier oben. Über Metallleitern und Brücken geht es über die Felsblöcke. Etwas Trittsicherheit ist auf jeden Fall gefragt.
In einer Felsspalte muss ich meine Flasche aus der Seitentasche nehmen, sonst passe ich nicht hindurch.
Von einem Aussichtspunkt aus habe ich schon einen herrlichen Blick auf mein heutiges Tagesziel: den Campingplatz Königstein. Bis dahin ist es aber noch ein gutes Stück zu wandern. Die Etappe bzw. der ganze Malerweg ist recht zivilisationsnah. So komme ich auch immer wieder an Gärten und Häusern vorbei. In und um Pirna baut jeder irgendwas im Garten an und beackert seine Flächen. Scheinbar ist heute auch Tag des Kantenschneiders – das kreischende Geräusch ist meine Hintergrundmusik.
Die Schilder zur Schokoladenmanufaktur in Thürmsdorf sind definitiv wirtschaftlich gut platziert. Zu einem Eiskaffee sage ich nie nein. Etwas überteuert das Ganze, aber der Garten und das Ambiente sind einladend. Zudem gibt es eine Toilette.





Festung Königstein aka John Schnee, bist du hier irgendwo?
Der Weg führt mich durch den Wald zur Festung Königstein. Was ist das bitte für ein krasses Ding?! Ich verbringe mehr als zwei Stunden auf dem 9,5 Hektar großen Felsplateau, das sich 240 Meter über die Elbe erhebt – eine der größten Bergfestungen Europas. Ich umrunde die komplette Anlage entlang der Mauer. Die Ausblicke sind grandios. Nach 2,2 Kilometern bin ich – ohne es zu merken – wieder an meinem Ausgangspunkt angelangt und wundere mich über die, oh Wunder, gleiche Aussicht. Eine Museumsanlage mit unzähligen Sonderausstellungen, Restaurants und Seminarräumen lockt jedes Jahr über 500.000 Besucher an. Ein nettes Feature waren für mich die Trinkwasserspender auf den Toiletten.





Ankommen am Campingplatz
Wieder über unzählige Stufen geht es durch den Wald bergab nach Königstein und zum Campingplatz, der direkt am Wasser liegt. Das Einchecken läuft über einen Automaten. Ein Mitarbeiter des Campingplatzes weist mich durch den Prozess. Es gibt eine Duschkarte und man muss 20 € Pfand bezahlen, (die ich bis heute nicht erstattet bekommen habe.) Nach über 30 Kilometern bin ich dann auch platt. Aus dem Getränkeautomaten ziehe ich mir eine kalte Cola und bereite mir meinen Couscous zu. Wer braucht schon einen Kocher, wenn das Wasser aus der Leitung 90 Grad hat?
Übernachtung: https://camping-koenigstein.de/

Tag 2: Königstein nach Krippen
In der Nacht hat es leicht geregnet, sodass ich das Außenzelt zum Trocknen aufhängen muss. Ich wache um 6:00 Uhr auf und sortiere mich erst einmal. Der Körper fühlt sich trotz des gestrigen Tages gut an – Muskelkater: Fehlanzeige. Während mein Zelt trocknet, bereite ich mein Frühstück. Ich setze mich zu meinem Zeltnachbarn an die Holztische vor der Rezeption. Gut gelaunt, um die 50, ist er dabei seine linke Sandale mit einem Kabelbinder zu reparieren. Von Hamburg ist er mit dem Zug bis Bad Schandau gefahren und fährt nun mit dem Rad den Elberadweg entlang zurück. Wie lange er brauchen wird? Weiß er noch nicht. Solange, wie es eben dauert – und solange er Lust hat.
Um 8:30 Uhr mache ich mich auf den Weg. Die ersten vier Kilometer durch Königstein haben es in sich: Fast 300 Höhenmeter geht es bergauf. Kaum unterwegs – und schon komplett durchgeschwitzt.



Ein Highlight jagt das nächste
Vom Quirl geht es zum Pfaffenstein, dann zum Gohrisch und zum Schluss auf den Papststein. Tafelberg hoch, Tafelberg runter. Unterwegs treffe ich ein Ehepaar, das ebenfalls mit Zelt unterwegs ist. Sie sind auf der letzten Etappe des Forststeigs, der sich an einigen Stellen mit dem Malerweg überschneidet. Prompt begegnen wir uns nach zwei Stunden an einer kniffligen Abstiegstelle am Gohrisch wieder. Die Stufen sind schräg und weit auseinander in den Felsen geschlagen – ich muss kurz überlegen, wie ich hier am besten herunterkomme. Der Durchgang ist zudem super schmal, mein Rucksack kratzt durch die Felsspalte, bevor es wieder weiter wird. Zum Glück bin ich mit ein bisschen Klettergeschick ausgestattet, nutze die „Grifflöcher“ an einer Seite des Felsens und lasse mich langsam auf die nächste Stufe hinab. Das Ganze wäre natürlich deutlich einfacher, wenn nicht noch ein 14-Kilo-Rucksack mit drücken würde.






Treppen, Treppen, Treppen, Treppen…ach ja … Treppen!
Generell waren viele Auf- und Abstiege heute recht anspruchsvoll. Trittsicherheit sollte man für den Malerweg definitiv mitbringen. Von steilen Leitern über hohe Steinstufen bis hin zu schmalen Metallstreben ist alles dabei. Wer Probleme mit den Knien hat, kann eigentlich gleich zu Hause bleiben. So viele Treppenstufen wie heute bin ich in meinem Leben noch nicht gegangen und ich kann für heute auch keine mehr sehen. Laut Uhr: rund 800 Höhenmeter auf 23 Kilometern – davon gefühlt 85 % über Stufen.
Die Ausblicke sind jedes Mal grandios. Die Festung Königstein von gestern begleitet mich den ganzen Tag – sie ist von nahezu überall sichtbar. Diese Sandsteinfelsen, die fast zu perfekt wirken, um natürlich zu sein, faszinieren mit ihrer rauen Schönheit. Oben auf dem Gohrisch treffe ich ein älteres Pärchen aus der Region. Sie selbst haben es noch nicht geschafft, den Malerweg am Stück zu laufen, obwohl sie regelmäßig hier unterwegs sind. Sie finden es toll, dass ich die Tour mache. Auch ihre Kinder sind wanderbegeistert, finden aber zu selten gleichgesinnte Abenteurer*innen. Heute ist es zu dem etwas voller. Viele Tagesausflügler, aber auch einige Weitwandernde kreuzen meinen Weg.
Nach diesem Tag habe ich Waden aus Stahl. Sollte der nächste Tag ähnlich verlaufen, könnte es richtig hart werden. Müsste ich meine Tour nach heute aus irgendwelchen Gründen abbrechen, hätte es sich trotzdem schon jetzt mehr als gelohnt, die Sächsische Schweiz besucht zu haben.




Kleine Orte, kleine Lädchen und die Fleischeslust
Durch zwei kleine Orte geht es noch bergab und an der Liethenmühle vorbei. Ich bestelle mir eine Cola und ziehe sie in 3 Schlücken weg. Meine Wasserflaschen auffülle ich auch nochmal auf. Bis nach Krippen sind es dann nur noch 1,5 Kilometer. Ich komme an den vielen Hotels vorbei und schaue mich vorsichtshalber um. Mein „Campingplatz“ für diese Nacht ist nämlich kein richtiger. Da der kleine „Provianter“ um 17:00 Uhr schließt, will ich unbedingt rechtzeitig da sein. Es ist ein Fleischer mit Tante-Emma-Laden-Flair. Es gibt Brötchen, Bockwurst (beim Wandern kommt kurz die Fleischeslust durch), Joghurt und einen Apfel fürs Frühstück. Die kleinen Dinge, die glücklich machen.
Ein letzter, steiler Anstieg führt mich zu meinem Ziel, von dem ich bisher nur eine Google Maps Aufnahme gesehen habe. Die DAV-Hütte liegt oberhalb von Krippen im Wald, in einer Art „Quasi-Sackgasse“. Hinter mir ein umzäunter Garten, oberhalb ein großes Haus. Die Hütte selbst ist umgeben von Wald und einer Wiese. Ich komme zwar nicht hinein – den Schlüssel hätte ich in Dresden abholen und wieder zurückbringen müssen –, aber ich darf vor der Hütte zelten. So habe ich es mit dem Hüttenwart am Telefon abgesprochen.
Vor der Hütte stehen ein Tisch und Bänke, auf denen ich mich ausbreite. Es ist noch früh, und obwohl es ziemlich abgelegen ist, beschließe ich, mein Zelt erst aufzubauen, wenn es dämmert. Der einzig ebene Platz vor der Hütte ist ein Stück ungemähte Wiese. Kaum steht das Zelt und mein Kram ist verstaut, beginnt es pünktlich zu regnen. Ich freue mich über das gute Timing – und schlafe mit dem Gefühl ein, dass jetzt auch niemand mehr den Weg hier hoch auf sich nehmen wird.



Tag 3: Krippen nach Hinterhermsdorf
Es ist alles gepackt, der Rucksack sitzt, ich will die Uhr zum Aufzeichnen der Etappe starten – und dann hat sich einfach noch so eine beschissene Zecke an meinem Handgelenk festgesaugt. Genervt setze ich den Rucksack wieder ab, ziehe mich halb aus und kontrolliere ein letztes Mal alle erreichbaren Stellen. Die Zeltplatzwahl war im Nachhinein wohl doch nicht die beste, und das war nicht die erste Zecke, die ich an diesem Morgen von mir abpflücken musste.
Muss ich mich dem Weg geschlagen geben?
Aber starten wir den Tag im Zelt: Ich erwache ausgeschlafener als gedacht. Der Regen hat mir meine erste „wilde“ Campingerfahrung … erleichtert!? Ja, irgendwie hat er mir ein Sicherheitsgefühl gegeben. Als ich mich aus dem Schlafsack pelle und aus dem Zelt steige, fühle ich mich wie ein junges Reh – eines, das gerade zur Welt gekommen ist und noch nicht weiß, wie es seine Beine benutzen soll. Ich stolpere die drei Stufen meines kleinen Plateaus hinunter und komme schwankend zum Stehen. Heute wandern? Fühle ich noch nicht. Zudem hat mir eine Nacktschnecke in den Schuh gekackt, und überall schwirrt irgendein Viehzeug herum. Vertreten ist wirklich alles, was die Insektenwelt zu bieten hat. Ich lasse mein Zelt über den Bänken trocknen, verspeise meinen leider nicht so leckeren Apfel und den Rest meines Frühstücks. Dabei krabbelt eine Zecke über mein Smartphone, zwei weitere entferne ich von meinen Beinen, eine von meinem Außenzelt. Die FSME-Impfung war definitiv eine gute Entscheidung. Beim Provianter in Krippen lasse ich meine Wasserflaschen von der netten Verkäuferin auffüllen und mir ein Käsebrötchen belegen. Den Latte Macchiato aus dem Kühlregal trinke ich direkt vor Ort.
Auf den Spuren der Romantiker
Nach einem knackigen Anstieg zurück in den Wald lässt sich der Weg über viele Kilometer angenehm erwandern. Die Tafelberge bewundere ich aus der Ferne, und auf den flachen Feld- und Wiesenwegen komme ich entspannt voran. Endlich mal Zeit, die Seele baumeln zu lassen. Die ersten Kilometer wandere ich auf den Spuren von Caspar David Friedrich (1774–1840). Während seines Krippen-Aufenthalts 1813 nutzte er genau diese Wege, um Landschaftsskizzen zu erstellen – viele Elemente, wie die Kaiserkrone, fanden später Eingang in berühmte Gemälde wie den „Wanderer über dem Nebelmeer“. Mehrere Infotafeln an markanten Orten und Aussichtspunkten zeigen die Motive, die Friedrich damals festhielt. Der Malerweg verdankt seinen Namen den vielen Künstlern der Romantik, insbesondere den Landschaftsmalern, die im 18. und 19. Jahrhundert von der wildromantischen Natur der Sächsischen Schweiz begeistert waren. Sie kamen in die Region, um die dramatischen Felslandschaften, tiefen Schluchten, weiten Ausblicke und die mystische Atmosphäre in ihren Werken festzuhalten. Der Name „Malerweg“ wurde allerdings erst im 21. Jahrhundert offiziell eingeführt – im Zuge der Wiederbelebung historischer Wanderpfade. 2006 wurde die Route neu konzipiert, nach alten Skizzenbüchern und Reiseberichten rekonstruiert und als „Malerweg“ benannt – eine Hommage an jene Künstler, die diese Landschaft einst berühmt gemacht haben.




Mittagszeit ist Eiszeit und das Ding mit dem Verlaufen Teil 1
In Sachsen zirpen die Grillen lauter. Ich nehme mir vor, es heute langsam angehen zu lassen und alle fünf Kilometer eine Pause einzulegen. Bald sind die Beine warmgelaufen, und trotz der Anstiege funktionieren die Waden wieder, wie sie sollen. Der Wind bläst mir auf den offenen Flächen um die Ohren: Jacke an, Jacke aus. Zu warm, zu windig, zu kalt. Am Rande einer Ortschaft platze ich noch in einen Videodreh hinein. Ich weiß nicht, was genau da passiert, aber die Beteiligten scheinen Spaß zu haben. Vier Rentner stehen vor einem Mikrofon und lachen aus voller Kehle. Aus Gewohnheit fällt mein Blick sofort auf die Technik: eine Osmo Pocket und ein Mikro ohne Windschutz – im Sturm. Ich würde wirklich gern wissen, was bei diesem Dreh herausgekommen ist.
Schöna ist schön. Passend zur Mittagszeit komme ich durch den kleinen Ort und laufe direkt auf den Dorfladen zu – ein Bio-Tante-Emma-Laden mit regionalen Produkten, handgeflochtenen Freundschaftsarmbändern und einer riesigen Auswahl an Softeis. Ich gönne mir ein alkoholfreies Weizen und ein Kirscheis und verbringe eine gute halbe Stunde auf der Terrasse des Ladens. Beim Weiterwandern bin ich froh, dass mich hoffentlich niemand beobachtet hat – ich verlaufe mich nämlich zweimal in dem kleinen Ort, weil eine Menschentraube genau vor dem Wegweiser stand und ich ihn übersehen habe.


Ob Faulheit nochmal zu meinem Tod führt?
Nach einem sehr steilen Abstieg durch den Wald geht es mit der Fähre rüber nach Schmilka. Wie zauberhaft kann ein Ort sein? Mehr Weiler als Dorf, wirkt er wie aus der Zeit gefallen. Ich gehe durch eine schmale Gasse mit liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern und komme auf das historische Ensemble aus Mühle, Bäckerei und Brauerei zu. Ich fühle mich wie in einer Filmkulisse. Es duftet nach frischen Backwaren aus dem Holzofen und das Mühlrad rattert vor sich hin. Da ich aber erst kürzlich Pause gemacht habe und noch einige Kilometer vor mir liegen, verweile ich nicht allzu lang.
Bevor es in den Wald geht, „warnt“ mich ein Schild vor der Wildnis – und es sollte zumindest ein bisschen recht behalten. Nach 14 erholsamen Kilometern zieht der Weg jetzt richtig an: gute 1.000 Höhenmeter auf den kommenden 12 Kilometern. Natürlich in Form von Treppen – wie sollte es auch anders sein? Ein rot-weißes Flatterband und ein Hinweisschild versperren mir den Weg. Zusammengefasst sagen sie: Akute Astbruchgefahr, umstürzende Bäume, Umweg 10 Kilometer. Boah, ne, hab ich so gar keine Lust drauf. Ich überlege kurz hin und her und schiebe mich dann unter dem Absperrband hindurch. Ein etwas mulmiges Gefühl überkommt mich dann aber doch, als ich in die schwankenden Baumkronen blicke. Die aufkommenden Windböen lassen die toten Bäume bedrohlich knarzen. Mit klopfendem Herzen nehme ich die Beine in die Hand und laufe die Treppenstufen im Wald hinauf. Der Wind wird stärker, das Knacken lauter – um mich herum lauter gefallene Bäume. Nach 400 Metern sehe ich ein zweites Flatterband: Die Gefahrenzone hat ein Ende. Wiedermal habe ich aus Faulheit etwas Dummes gemacht. Sollte vielleicht nicht zur Gewohnheit werden.







Steckdosen, Pringles und ein gutes Buch
Der weitere Weg ist recht unspektakulär. Passend zu einem Regenschauer komme ich auf dem Großen Winterberg mit gleichnamigem Biergarten an. Ich verweile mit einem weiteren isotonischen Kaltgetränk, bis der Regen nachlässt. Ich kratze an der Ländergrenze, sodass mein Smartphone kurz ins tschechische Netz hüpft. Ich laufe an verkohlten Baumstümpfen und frischen Birken vorbei – die verheerenden Spuren des größten Waldbrandes in der Region seit Generationen. Im Juli 2022 wurden etwa 110 Hektar auf deutscher und rund 1.000 Hektar auf tschechischer Seite ein Raub der Flammen – ein Gebiet etwa so groß wie Helgoland.
Die letzten Kilometer zum Campingplatz „Thorwaldblick“ ziehen sich. Einen Kilometer vor dem Ziel muss ich noch einmal meinen Regenschirm bemühen. Am Platz angekommen, öffnen sich die Schleusen des Himmels vollständig. Mit der Besitzerin, die mir eigentlich meinen Zeltplatz zeigen will, verbringe ich daher etwas Zeit auf der Bank vor der Rezeption. Sie erzählt mir vom Waldbrand, von komplizierter Bürokratie – wir reden über ehrenamtliche Arbeit und kommen von Hölzchen auf Stöckchen. Der Regen vergeht, und ich baue mein Zelt auf. Der gemütliche, kleine Platz ist ein Traum. Saubere, einladende Waschräume, ein Aufenthaltsraum, Brötchenservice, Trockenraum – und viele freie Steckdosen und das für nur 15 €. Ich verbringe den Abend also, eingedeckt mit einer Packung Pringles, meinem Couscous und einem Buch im Aufenthaltsraum, bis es dunkel wird.
Übernachtung: https://thorwaldblick.de/anreise.html
Buch: Die Farbe von Milch





Tag: 4 Hinterhermsdorf bis Ostrauer Mühle
Da es die Nacht über trocken geblieben ist, kann ich glücklicherweise auch ein trockenes Zelt einpacken. Um 8:00 Uhr bin ich startklar – und auch wieder ein paar hundert Gramm leichter. Mein Buch stelle ich ins schon gut gefüllte Regal des Campingplatzes. Da dieser etwas abseits liegt und ich keine Lust habe, den Weg von gestern zurückzugehen, nehme ich die Straße. Nach drei Kilometern bin ich zurück im Wald. Ein kurzer Abstecher führt mich zur Kleinsteinhöhle. Kann man machen, muss man aber nicht. Oder ich bin mittlerweile einfach etwas abgestumpft, was Felsen und Höhlen betrifft.


Die Sache mit dem Verlaufen, Teil 2 von …
Dafür, dass kein Regen angekündigt war, muss ich zu oft mein Schirmchen zücken. Wenn ich nicht schwitze, kommt das Wasser eben von oben. Der Schirm: immer noch die best investierten 99 Gramm. Ein kleiner, wunderschön romantischer Trampelpfad mit viel grüner Vegetation führt mich oberhalb des Kirnitzschtals entlang. Obwohl es noch relativ früh ist, kommen mir schon einige Wandergrüppchen entgegen.
Beschwingt gestartet, bekommt meine Laune einen Dämpfer, als ich mich zum ersten Mal verlaufe. Das Schild ist nicht eindeutig, das GPS findet mich wieder mal nicht und vielleicht bin ich auch einfach nicht gut im Kartenlesen. Irgendwann erreiche ich eine Straße, auf der ein Pärchen unterwegs ist. Ich frage, ob sie auch den Malerweg gehen. Nach ein paar hundert gemeinsamen Metern sprechen wir über unsere Tagesziele. Zum Glück! Ich gehe nämlich in die falsche Richtung. Im Nachhinein frage ich mich, ob die beiden nicht auch falsch unterwegs waren – sie kamen von ganz woanders und gingen in eine ganz andere Richtung. Ich werde es wohl nie erfahren.
Ich mache also einen Schlenker zurück zum eigentlichen Weg. Komme an der Buschmühle und der Neumannsmühle vorbei, die heute als Gaststätte und Wanderherberge genutzt werden. Ich folge der Kirnitzsch (Bächlein) über einen kleinen Pfad bis zur Felsenmühle und biege dann ins Gebiet des Kleinen Zschands ab. Das Gebiet ist deutlich stärker frequentiert als die Etappen der letzten Tage. Immer wieder beginnt es zu nieseln.
Ständig muss ich auf die Karte schauen. Bin mir unsicher, wo der Weg verläuft und welchen Abzweig ich nehmen muss. Irgendwann stehe ich mit meinem Schirm an einer Kreuzung. Malerweg? Fehlanzeige. Ich drehe mich dreimal im Kreis und habe keine Ahnung, wo ich bin. Eine Gruppe Tagestouristen wartet den Regen in einer Schutzhütte ab, und ich frage nach Rat. Letztlich bin ich auf der breiten Waldautobahn komplett in die falsche Richtung gelaufen. Es regnet, der Weg ist nicht schön, ich weiß nicht genau, wie weit ich zurück muss, und bin zutiefst genervt. Der Malerweg ist mittlerweile nur noch auf Holzwegweisern ausgeschildert und nicht – wie viele andere Wege – zusätzlich mit „Beruhigungsschildern“ an Bäumen markiert. Das GPS braucht ewig zur Standortaktualisierung. Ich gehe also zurück. Irgendwann fängt sich das GPS, und am Ende bin ich nur etwa 300 Meter zu weit gelaufen. Bei Regen und schlechter Laune fühlt sich das allerdings wie eine Ewigkeit an. Ich stelle fest, dass ich hoch zum Kuhstall muss. Der Malerweg ist jedoch weder von der einen noch von der anderen Seite des Schildes ausgewiesen. Vor dem Aufstieg mache ich Pause und nutze einen Baumstamm als Rastplatz. Der Regen lässt langsam nach. Während ich mein trockenes Laugenbrötchen esse, schallen Stimmen von oben herab. Immer mehr Menschen gehen an mir vorbei den Weg entlang. Wie Wanderer sehen die meisten nicht aus: Alltagskleidung, Bierflaschen, Familien. Irgendwann wird mir klar – es ist Wochenende. Mein Zeitgefühl ist in den letzten Tagen komplett ausgeknipst worden.



Mutprobe und Belohnung
Der Aufstieg gestaltet sich entspannt. Oben angekommen, erwartet mich ein riesiger, höhlenartiger Durchgang – und mehr Menschen, als ich in den letzten Tagen insgesamt gesehen habe. Ich entdecke einen superschmalen Aufstieg in einer Felsspalte: die Himmelsleiter. Kritisch beäuge ich die Metallstufen. Passe ich da mit Rucksack durch? Will ich da wirklich durch? Enge Räume über 30 Meter hinweg sind nicht unbedingt mein Ding – aber cool ist es schon. Und da sind ja auch Kinder hochgegangen. Oben angekommen, hat es sich gelohnt. Der Ausblick – und ein kleines, großes Erdbeer-Vanille-Softeis in der Felsenwirtschaft auf dem Kuhstall – verbessern meine angeschlagene Laune massiv. Softeis ist wirklich ein Ding hier in der Region. Ich liebs.






Overload. Ich kann nicht mehr.
Die richtig knackigen Anstiege der letzten Tage bleiben heute aus. Dafür sind die Wege auf andere Weise anspruchsvoll: drücken, schieben, quetschen, klettern, balancieren, über Felsbrocken steigen, Leiter hoch, Stiege runter. Einmal verliere ich komplett die Orientierung zwischen den Gesteinshaufen und finde den Weg nicht mehr. Nach zehn Sekunden leichter Panik höre ich jedoch Stimmen und sehe Menschen ein paar Meter über mir. Die Ausblicke sind unglaublich – hinter jeder Ecke ein neues Highlight. Der Weg schlängelt sich vorbei an hohen Sandsteinfelsen und durch enge Felsspalten. An den Schrammsteinen angekommen, entscheide ich mich, den Gratweg auszulassen. Ich kann einfach nicht mehr – auch wenn es wohl ein weiteres Highlight sein soll. Die Trittsicherheit lässt nach, mein Kopf raucht von der ständigen Konzentration, und ich will einfach nur noch den Campingplatz erreichen. 31,5 Kilometer sind dann auch genug für heute. Ich steige die letzte steile Leiter hinab – und kann mich an die übrigen Kilometer zum Ziel kaum noch erinnern, nur dass sie sich gezogen haben.





Kirchenlieder und Duschodyssee
Auf dem Campingplatz Ostrauer Mühle muss ich mich erstmal orientieren. Das Areal ist riesig. Über mehrere Ebenen gibt es Bereiche für Wohnwagen, Zelte und Dauercamper. Ich erfrage den Weg zur Rezeption und folge einem Pärchen, das in die gleiche Richtung muss. Dort bekomme ich den Platz „M“ zugewiesen und eine schwere Emailletafel in die Hand gedrückt, die ich an mein Zelt hängen soll. Witzig – eine Hausnummer hatte ich beim Zelten auch noch nie. Wie schon erwähnt: Der Platz ist riesig und irgendwie unsympathisch. Es riecht nach Abfluss, und es laufen merkwürdige Menschen umher. Zwei Jungs, vielleicht sechs und acht, schmettern lauthals Kirchenlieder, während sie über den Platz hüpfen. Eine andere Gruppe grillt direkt vor den Waschräumen. Handy- und Internetempfang: quasi nicht vorhanden. Und zu guter Letzt brauche ich vier Anläufe zum Duschen: Stehe in der Dusche – Handtuch vergessen. Stehe in der Dusche – Duschkarte vergessen. Stehe in der Dusche – Kulturbeutel vergessen. Meine Güte! Danach falle ich in mein Zelt und mache irgendwann die Ohropax rein, als ich keine Lust mehr habe, den Geschichten über eine deprimierende Kindheit im Osten, meiner direkten Zeltnachbarn zu lauschen. Gute Nacht.
Übernachtung: https://www.ostrauer-muehle.de/preise-campingplatz.html


Tag 5: Ostrauer Mühle bis Rathewalde
Der Himmel ist grau, die Luft schwülwarm. Mein Zelt trocknet. Auf dem Weg zum Waschraum spricht mich eine ältere Outdoor Enthusiastin auf meine Sandalen an. Ich erkläre ihr, wie ich sie mit Hilfe eines YouTube-Videos selbst „gebastelt“ habe. Ich hätte mich gern nochmal mit ihr unterhalten, aber irgendwie kommt es dann doch nicht dazu. Ich glaube, sie hätte ein paar interessante Geschichten auf Lager gehabt.
Die andere Richtung wäre schlimmer gewesen…
Die heutige Etappe soll leicht werden: kein Gekraxel, keine 1000 Höhenmeter – klingt traumhaft. Zwei Kilometer nach dem Campingplatz dann das erste Stirnrunzeln: „Ab hier nur für geübte Wanderer“ steht auf einem Schild. Was soll das jetzt? Zähle ich mich dazu? Gibt’s eine Alternative? Offenbar nicht. Die ersten Meter sind harmlos – Wurzeln, Steine, umgestürzte Bäume. Alles wie gehabt. Unspektakulär. Hätte ich das mal besser nicht gedacht. Keine zwei Kurven weiter stehe ich vor einem chaotischen Steinhaufen – kein Weg in Sicht. Noch während ich rätsle, wie es hier weitergehen soll, klettern zwei ältere Herrschaften mit Tagesrucksäcken seelenruhig von oben herunter. Aha. Also da hoch. Allein wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass das der offizielle Weg sein soll. Ich kraxle also über die Brocken und bin heilfroh, dass ich nicht in die andere Richtung unterwegs bin – abwärts wäre das deutlich riskanter geworden. Oben wartet ein freundlicher älterer Herr, der mich fragt, ob ich die Stelle gut überstanden habe. Er erzählt mir vom Erdrutsch vor zwei Jahren, der den ursprünglichen Weg zerstört hat. Geld für den Wiederaufbau? Fehlanzeige. Stattdessen: Warnschild und viel Glück. Knochenbrüche seien hier keine Seltenheit. Von oben gibt es übrigens eine ausgeschilderte Umleitung. Natürlich.


Never change a running system oder der Regen, den niemand kommen sah
Ich gehe einen Feldweg zwischen Kirschbäumen entlang und pflücke mir ein paar reife Früchte. Es riecht nach Heu, Gräsern, Juniluft. Die Grillen zirpen. Eine leichte Brise weht. Am Bach entlang. An Kühen vorbei. Trampelpfad mit Blätterdach. Ab in den Wald. Bergauf. Ohne Treppen?! Einfach nur bergauf. Überholt werde ich von einem Trailläufer. Rentner. Waden wie gemeißelt. Die tägliche Portion Aussicht folgt auch alsbald.
Es ist 12:00 Uhr und eigentlich Zeit für ein Eis. Die Gaststätte zu meiner Linken weist mit einem Schild auch auf die Verfügbarkeit hin. Ja, nein, ach – irgendwie habe ich noch keinen Hunger, erst Pause gemacht. Weitergehen. Blabla. Hätte ich mal auf mein Bauchgefühl gehört! Keine 50 Meter weiter werde ich aus heiterem Himmel von einem sintflutartigen Regenschauer überrascht. Ich rette mich unter eine große Erle und drücke mich an den Stamm. Zwei Mädels, ebenfalls auf dem Malerweg unterwegs, leisten mir Gesellschaft. Das Wasser dringt durch die Blätter und läuft am Stamm hinunter. Wir warten das Gröbste ab und rennen dann zurück zur Gaststätte. Im Vorraum drängen sich weitere Wanderer. Sitzplätze gibt es keine mehr. Ich kaufe ein Eis!


Die Sache mit der Unterkunft
Es ist schwülwarm, der Abstieg durch den Wald glitschig. Wie immer ist der Weg um keinen weiteren Anstieg verlegen. Es geht noch einmal ans Eingemachte. Vom „Tiefen Grund“ geht es steil bergauf zur „Brandaussicht“ – 200 Höhenmeter auf 500 Metern, über Treppen. Oben angekommen erwartet mich ein riesiger, überfüllter Biergarten. Überall hängen Klamotten zum Trocknen. Es wurden wohl noch mehr vom Schauer überrascht. Ich blicke zur nicht weit entfernten Festung Königstein. Es ist verwirrend, wie nah alles ist. Das schlechte Wetter hält an. Es ist windig und nieselt immer wieder. Zum ersten Mal krame ich meinen Regenponcho aus den Tiefen meines Rucksacks. Die Waldwege variieren von breit zu schmal. Schwierigkeit: 2/10. Im Polenztal taucht plötzlich eine Waldgaststätte mit Hotel vor mir auf. Kaffee!! Wie konnte ich es eigentlich die letzten Tage ohne Koffein aushalten? Vielleicht hat der Instantkaffee im Porridge am Morgen gereicht. Ich setze mich und bestelle einen Latte Macchiato. Ich bekomme einen Keks dazu. Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor. Es ist wunderbar. Weit bis zum Ziel ist es auch nicht mehr und noch recht früh am Tag. Eine kleine Stimme in meinem Kopf meldet sich und sagt: „Vielleicht rufst du doch mal sicherheitshalber bei der geplanten Unterkunft an.“ Geplant ist die Übernachtung in einer Rucksackunterkunft in Rathewalde. Natürlich habe ich nichts auf dieser Tour vorgebucht. An Pfingstmontag eventuell nicht so klug. Ende vom Lied: Unterkunft voll! Ich frage die gute Dame am Telefon, ob sie eine Alternative für mich wüsste. Sie nennt mir eine Pension im gleichen Ort. Bevor ich dort anrufe, frage ich noch im Hotel, in dem ich gerade sitze. Leider auch schon ausgebucht. Ernsthafte Gedanken, wo ich am Abend schlafen werde, mache ich mir noch nicht. Ich habe ja ein Zelt – aber innerlich war ich darauf eingestellt, es nicht nochmal aufbauen und eventuell wieder nass, am letzten Tag, einpacken zu müssen. Ich rufe also bei der empfohlenen Pension an und habe tatsächlich Glück. Die Aussicht auf ein Zimmer lässt mich innerlich Konfetti werfen. Ich genieße die letzten Schlücke meines koffeinhaltigen Heißgetränks und mache mich beschwingt auf die letzten Kilometer.




Auf dem Boden der Tatsachen bleiben
Tja… Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben – oder wie war das? Statt drei werden es vier Kilometer, weil ich mich an einer Stelle ordentlich verlaufe und plötzlich im Nichts stehe. Gut, dass mein Bauchgefühl, was Verlaufen angeht, irgendwann Alarm schlägt. Ich gehe also im Regenschauer den Weg zurück und stehe wieder vor den Felsen von vor ein paar Minuten. Ein schmaler Aufgang zwischen den Felsen scheint der offizielle Weg zu sein. Ausgeschildert? Nope! Kennen wir ja schon.




Abgegriffen, aber immer wieder wahr: Die einfachen Dinge im Leben sind es
Nach fünf Tagen im Wald ist die viel befahrene Straße nach Rathwalde ein kleiner Kulturschock. Ich folge einem Feldweg bis in den Ort – und da ist sie: Pension Kunert. Mit Handschlag werde ich vom Chef höchstpersönlich begrüßt. Seines Zeichens Ursachse, älteren Kalibers. Rundlich, freundlich, zuvorkommend. Er geleitet mich vom Frühstücksraum ins Nebengebäude: langer Flur, Teppichboden, ziemlich viele Zimmer. Eine Nische mit SB-Kühlschrank und Snacks. Haken an der Sache: „Sie wissen, dass man bei uns nur bar zahlen kann?“ Ich schlucke. Überschlage im Kopf das restliche Bargeld in meinem Portemonnaie. Eigentlich sollte es noch reichen. Und wenn nicht, wäre das etwas, was ich am Morgen mit ihm klären würde. Jetzt genieße ich mein Zimmer. Wie schön es ist, nach vier Tagen im Zelt einen Raum zu haben, in dem man sich einfach ausbreiten kann. Ich hänge mein noch feuchtes Zelt quer durchs Zimmer und breite alles aus, was irgendwie trocknen muss. Liebend gern hätte ich mir ein Kaltgetränk aus dem Kühlschrank geholt, aber ich halte mein Bares lieber zusammen. Dafür verspeise ich Frühstück und Abendessen direkt hintereinander. Morgen gibt es ja Buffet. Der „einfache“ Tag endet mit 26 Kilometern und 860 Höhenmetern.
Gute Nacht.
Übernachtung: https://www.pension-kunert.de/

Tag 6: Rathewalde nach Wehlen
Ich labe mich am reichhaltigen Frühstücksbuffet: Orangen-, Bananen- und Multivitaminsaft, Brot, Brötchen, Milchbrötchen, frisches Obst, Müsli, Kaffee. Ein Ei. Eine Nacht in einem einfachen Zimmer mit WLAN und eigenem Bad kann wahre Wunder wirken. Der Chef begrüßt jeden Gast persönlich. Weist Plätze zu, plaudert charmant – fürsorglich und bemüht, dass es wirklich niemandem an etwas fehlt. Am Ende kostet mich die Nacht in der Pension Kunert 62,50 €. Mit noch genau 2 € im Portemonnaie starte ich in die letzte Etappe.
Alte weiße Männer
Einmal muss ich mir die Frage auf dieser Wanderung dann doch anhören: „Als Frau sind Sie ganz allein unterwegs?“ Eine Schweizer Männergruppe, die mir sogar einen von sich abgeben will, begegnet mir kurz nach dem Start. Innerliches Augenrollen. Und weiter.
Es geht bergab durch den frisch-duftenden Morgenwald. Sonnenstrahlen brechen durch das Blätterdach, ein Bach plätschert links von mir, Felsen säumen den Weg. Der Amselsee liegt still und malerisch da – dort kann man auch Boot fahren.



Einmal Bus auskippen bitte aka, ja die Basteibrücke ist schon cool
Der Aufstieg zur Bastei ist steil, aber eher „Touri-anstrengend“. Ich kichere innerlich über jene, die nach dem ersten Viertel keuchend eine rauchen. Sich im Schneckentempo die Stufen hochschieben. Vom ersten Aussichtspunkt aus sehe ich viele der Felsen, auf denen ich in den letzten Tagen war. Schon verrückt – alles liegt so nah beieinander. Die Basteibrücke selbst ist beeindruckend, die Tourimassen weniger. Dem größten Ansturm entkomme ich gerade noch, als ich mich zurück auf den Malerweg mache. Ein Bus spuckt eine neue Ladung Besucher aus – nichts wie weg.




Mein Beileid an wer immer du auch bist
Da ich die 1-Euro-Touristentoilette mit der langen Schlange an der Bastei ausgelassen habe, bin ich nun auf der Suche nach einem stillen Örtchen. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht: lichter Wald, zu viele Menschen. Nach ein paar Kilometern visiere ich einen großen umgekippten Baum an und steuere entschlossen darauf zu. Bevor ich etwas sehe, höre ich schon das Surren – ein Fliegenschwarm erhebt sich und gibt den Tatort frei. Ihm oder ihr muss es wirklich schlecht gegangen sein. Trotzdem kann ich mir ein lautes Lachen nicht verkneifen: Die ein Meter lange Spritzspur ist… beeindruckend. Alle Achtung. Für mich heißt das: weiter suchen.
Aufhören, wenn es am schönsten ist
Der Malerweg führt links hinunter Richtung Wehlen. Eigentlich hatte ich geplant bis Lohmen zu laufen, ein Dorf vor dem offiziellen Ende. Dort gibt es eine Bahnverbindung nach Pirna. Ich checke die Bahn-App und sehe, dass genau ein Zug fährt und der Busverbindung traue ich nicht. Ich überlege hin und her – und beschließe, dass es das gewesen sein soll. Ich beende den Malerweg in Wehlen, steige dort auf die Fähre und fahre mit der Bahn zurück nach Pirna. Nach der Bastei käme ohnehin kein besonderes Highlight mehr. Und selbst wenn: Ich bin satt – satt an Ausblicken, Eindrücken, Auf- und Abstiegen und freue mich noch auf einen kleinen Bummel in Pirna und dann auf Dresden. Als wolle das Universum meinen Entschluss bestätigen, kracht etwa hundert Meter entfernt, mit Getöse, ein Baum zu Boden. Den Weg wollte ich eigentlich gehen.
Zurück in der Zivilisation
Zurück in Pirna, schlendere ich noch etwas durch die Stadt. Es ist Mittag – Zeit für ein Softeis. Ich entscheide mich für Pistazie, werde aber enttäuscht: zu kristallig, schmeckt nach Marzipan. An das Softeis in Dresden ist bisher kein anderes herangekommen. So steige ich irgendwann wieder in der Bahn – zurück in die große Stadt. Lustigerweise bekomme ich im A&O-Hotel exakt dasselbe Zimmer und Bett wie bei meiner Ankunft. Kreis geschlossen. Ich gehe bei „Ramen 1974“ essen und plane dort, an der Steckdose hängend, die nächste Trekkingtour durch. In drei Tagen geht es nämlich schon an die Mosel.

Fazit:
Tjaaa … Die angegebenen 116 km, die der Malerweg offiziell lang sein soll, sind auf jeden Fall gelogen. Auch wenn ich mich das ein ums andere Mal verlaufen habe, bin ich trotzdem auf mehr als 140 km gekommen. Unterkünfte, die nicht direkt am Weg liegen und kleine Abstecher zu Höhlen und anderen Aussichtspunkten lassen die Kilometer steigen. Realistisch ist alles zwischen 130 und 150 km. Das sollte man bei der Planung berücksichtigen.
Die Treppen habe ich definitiv nicht auf dem Schirm gehabt. Es war anstrengend, aber machbar, wenn man einigermaßen trainiert ist und Bock auf ein bisschen Quälerei hat. Man muss sich darauf einstellen, dass kein Supermarkt in greifbarer Nähe ist. Dafür gibt es gefühlt alle paar Kilometer eine Gaststätte, Tante-Emmaladen etc. Verhungern und verdursten tut man also nicht.
Die Landschaft ist unglaublich. Die hohen Tafelberge in der ansonsten flachen Landschaft, sind etwas, was man einmal gesehen haben sollte. Ich bin den Malerweg Anfang Juni gegangen und außer am Wochenende die meiste Zeit allein auf dem Weg unterwegs gewesen. Da ich ihn in die entgegengesetzte Richtung gewandert bin, hat die Beschilderung das ein oder andere Mal, leider etwas zu wünschen übrig gelassen. Angekommen bin ich am Ende aber immer an meinem Ziel.
Würde ich ihn empfehlen? Auf jeden Fall!